ars libertatis

28. November 1881 - 23. Februar 1942

Kein Künstler ist während der ganzen vierundzwanzig Stunden seines täglichen Tages ununterbrochen Künstler; alles Wesentliche, alles Dauernde, das ihm gelingt, geschieht immer nur in den wenigen und seltenen Augenblicken der Inspiration.

Sternstunden der Menschheit. Zwölf historische Miniaturen. (1927), Vorwort

Das neunzehnte Jahrhundert war in seinem liberalistischen Idealismus ehrlich überzeugt, auf dem geraden und unfehlbaren Weg zur ›besten aller Welten‹ zu sein. Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen. Jetzt aber war es doch nur eine Angelegenheit von Jahrzehnten, bis das letzte Böse und Gewalttätige endgültig überwunden sein würde, und dieser Glaube an den ununterbrochenen, unaufhaltsamen ›Fortschritt‹ hatte für jenes Zeitalter wahrhaftig die Kraft einer Religion; man glaubte an diesen ›Fortschritt‹ schon mehr als an die Bibel, und sein Evangelium schien unumstößlich bewiesen durch die täglich neuen Wunder der Wissenschaft und der Technik.

Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. (1942), Die Welt der Sicherheit

Wir, die wir im neuen Jahrhundert gelernt haben, von keinem Ausbruch kollektiver Bestialität uns mehr überraschen zu lassen, wir, die wir von jedem kommenden Tag noch Ruchloseres erwarteten als von dem vergangenen, sind bedeutend skeptischer hinsichtlich einer moralischen Erziehbarkeit der Menschen. Wir mußten Freud recht geben, wenn er in unserer Kultur, unserer Zivilisation nur eine dünne Schicht sah, die jeden Augenblick von den destruktiven Kräften der Unterwelt durchstoßen werden kann, wir haben allmählich uns gewöhnen müssen, ohne Boden unter unseren Füßen zu leben, ohne Recht, ohne Freiheit, ohne Sicherheit.

Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. (1942), Die Welt der Sicherheit

Selten ist ein und derselben Generation beides gegeben; läßt die Sitte dem Menschen Freiheit, so zwängt ihn der Staat ein. Läßt ihm der Staat seine Freiheit, so versucht die Sitte ihn zu kneten.

Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. (1942), Eros Matutinus

Für mich ist Emersons Axiom, daß gute Bücher die beste Universität ersetzen, unentwegt gültig geblieben, und ich bin noch heute überzeugt, daß man ein ausgezeichneter Philosoph, Historiker, Philologe, Jurist und was immer werden kann, ohne je eine Universität oder sogar ein Gymnasium besucht zu haben. Zahllose Male habe ich im praktischen Leben bestätigt gefunden, daß Antiquare oft besser Bescheid wissen über Bücher als die zuständigen Professoren, Kunsthändler mehr verstehen als die Kunstgelehrten, daß ein Großteil der wesentlichen Anregungen und Entdeckungen auf allen Gebieten von Außenseitern stammt. So praktisch, handlich und heilsam der akademische Betrieb für die Durchschnittsbegabung sein mag, so entbehrlich scheint er mir für individuell produktive Naturen, bei denen er sich sogar im Sinn einer Hemmung auszuwirken vermag.

Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. (1942), Universitas vitae

Während bei uns und in vielen anderen Ländern im Falle eines Verbrechens die Anklage ex officio erfolgt, das heißt, der Staat selbstherrlich die Justiz in seine Hände nimmt, ist in Frankreich dem Geschädigten die freie Wahl anheimgestellt, Anklage zu erheben oder nicht zu erheben. Persönlich scheint mir diese Art der Rechtsauffassung gerechter als das sogenannte starre Recht. Denn sie gibt die Möglichkeit, einem andern Menschen das Schlimme, das er zugefügt, zu vergeben, während zum Beispiel, wenn in Deutschland eine Frau ihren Geliebten in einem Eifersuchtsanfall mit dem Revolver verletzt, alles Flehen und Bitten des Betroffenen sie nicht vor der Verurteilung schützen kann. Der Staat greift ein, reißt die Frau, die der in der Erregung Angefallene vielleicht um dieser Leidenschaft willen noch mehr liebt, gewaltsam von der Seite des Mannes und wirft sie ins Gefängnis, während in Frankreich die beiden Arm in Arm nach gewährter Verzeihung heimkehren und die Sache unter sich als ausgetragen betrachten können.

Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. (1942), Paris, die Stadt der ewigen Jugend