ars libertatis

Das Toleranz-Paradoxon wird oft herangezogen um Zensur oder andere Freiheitseinschränkungen zu rechtfertigen und entstammt einer Fussnote in Karl Poppers The Open Society and Its Enemies. Da es einen grossen Interpretationsspielraum offen lässt und oft nur verkürzt, wenn überhaupt, zitiert wird, sei es hier in der ganzen Länge zitiert:

Less well known is the paradox of tolerance: unlimited tolerance must lead to the disappearance of tolerance. If we extend unlimited tolerance even to those who are intolerant, if we are not prepared to defend a tolerant society against the onslaught of the intolerant, then the tolerant will be destroyed, and tolerance with them.—In this formulation, I do not imply, for instance, that we should always suppress the utterance of intolerant philosophies; as long as we can counter them by rational argument and keep them in check by public opinion, suppression would certainly be most unwise. But we should claim the right to suppress them if necessary even by force; for it may easily turn out that they are not prepared to meet us on the level of rational argument, but begin by denouncing all argument; they may forbid their followers to listen to rational argument, because it is deceptive, and teach them to answer arguments by the use of their fists or pistols. We should therefore claim, in the name of tolerance, the right not to tolerate the intolerant. We should claim that any movement preaching intolerance places itself outside the law, and we should consider incitement to intolerance and persecution as criminal, in the same way as we should consider incitement to murder, or to kidnapping, or to the revival of the slave trade, as criminal.

Die korrekte Interpretation zu finden sei anderen überlassen, ich will hier lediglich ein paar Möglichkeiten skizzieren, wie man Toleranz und Intoleranz gegeneinander abwägen kann.

Verhältnismässigkeit von Toleranz und Intoleranz: Um zu verhindern, dass man der Intoleranz weder mit unbeschränkter Toleranz begegnet noch mit so viel Intoleranz, dass man selber zur intoleranten repressiven Macht wird, kann man sich an die Regel halten, der Intoleranz ein gleiches Quantum Gegen-Intoleranz entgegen zu halten, aber nicht mehr. Damit bleibt man auf derselben qualitativen und quantitativen Ebene wie die ursprüngliche Intoleranz und verhindert eine Eskalation der Intoleranz.

Skalenabhängige Toleranz: Von grösseren Organisationen kann man mehr Toleranz (von Tolerantem und Intolerantem) erwarten, da es zu ihnen weniger Ausweichmöglichkeiten gibt. Intolerante Individuen und Kleinorganisationen zu umgehen, ist hingegen viel einfacher.

Beide Ansätze deuten darauf hin, dass der Staat als grösste Macht im Land auch die zweifach toleranteste Organisation sein sollte und nur dann gegen Intoleranz vorgehen sollte, wenn es sich um eine Intoleranz handelt, der die betroffenen Individuen nicht ausweichen können. Einem Urteil über vermeidbare Toleranzen und Intoleranzen sollte sich der Staat hingegen enthalten, denn Intoleranz und Gegen-Intoleranz zu entwirren, ist schwierig und meist bedingt es einer ideologischen Wertung um herauszufinden, welches die ursprüngliche Intoleranz war. Will der Staat nicht zu einer Ideokratie werden, muss er dazu schweigen und diese Bewertung den Individuen überlassen.