ars libertatis

Die Vielfalt ist sehr vielfältig. Es gibt dutzende, wenn nicht hunderte Arten von Vielfalt, die sich manchmal gegenseitig befördern, die sich aber auch gegenseitig ausschliessen können. Überdies kann die Vielfalt auf verschiedenen Ebenen (von der sub-individuellen bis zur super-globalen) wirken und die Vielfalt auf einer Ebene mag sich positiv oder negativ auf die Vielfalt auf einer anderen Ebene auswirken.


Abschnitte


Eine kurze Übersicht, was verschiedene Vielfalten beinhalten können


Institutionelle Vielfalt

Die Diversität der Institutionen: Privatverträge, Ehen, Familien, Kirchen, Schulen, Universitäten, Spitäler, Gerichte, Gefängnisse, Armeen, Polizeien, Medien, Industrien, Nonprofitorganisationen, Staaten, überstaatliche Organisationen…


Kulturelle Vielfalt

Die Diversität der Kulturen: Von östlichen und westlichen, nördlichen und südlichen, kontinentalen und maritimen, tropischen und arktischen, neuen und alten Kulturen. Kulturelle Diversität innerhalb eines Landes wird auch Multikulturalität genannt.


Ökonomische Vielfalt

Die Diversität ökonomischer Systeme und Organisationsformen: Sozialismus, Kapitalismus, Syndikalismus, Aktiengesellschaften, Genossenschaften, Kollektivgesellschaften, Kommanditgesellschaften, Stiftungen, Vereine, Versicherungen…


Religiöse Vielfalt

Die Diversität der Religionen: Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, Shintoismus, Jainismus, Sikhismus, Bahaitum, Zoroastrismus, Daoismus, Konfuzianismus, Rastafrianismus, Wicca, Animismus, Anthroposophie, Satanismus, Spiritismus, Scientology, Raelismus, Freimaurerei, Diskordianismus, Pastafarianismus…


Ästhetische Vielfalt

Die Diversität der Schönheitsvorstellungen, der Schönheitsideale, der Schönheitsausprägungen, der Schönheitsobjekte und der Schönheitssubjekte.


Ethische Vielfalt

Die Diversität der metaethischen Konzeptionen: Realismus, Antirealismus, Kognitivismus, Nonkognitivismus, Amoralismus, Emotivismus, Expressivismus, Fiktionalismus, Diskursethik, Naturalismus, Intuitionismus, Präskriptivismus… Die Diversität der ethischen Theorien: Teleologie, Konsequentialismus, Tugendethik, Gesinnungsethik, Deontologie, Utilitarismus… Sowie die Diversität der moralischen Gebote: Dekalog, Pancasila, Mitzwot, Yamas, Doppelgebot der Liebe, Kardinaltugenden, Georgia Guidestones, Zehn Angebote des evolutionären Humanismus, Dekalog der Gelassenheit…


Kulinarische Vielfalt

Die Diversität der Kochkunst, der Zutaten, der Zubereitung der Mahlzeiten, der Kochmethoden, der Arbeitsgeräte, der Speisen, dem Servieren der Speisen, dem Verzehr der Speisen, der Orte der Zubereitung und des Verzehrs, der Professionalisierung und Spezialisierung der Köche, der Art der Beziehung zwischen Köchen und Bekochten.



Sprachliche Vielfalt

Vielfalt ist moralisch, ästhetisch und ökonomisch vielfältig. Es gibt gute und schlechte Vielfalten; Vielfalten, die kontextabhängig gute oder schlechte Auswirkungen haben; und Vielfalten, die sowohl gute als auch schlechte Folgen haben. Manche Vielfalten erhöhen die Tauschgewinne, etwa Vielfalt durch ökonomische Spezialisierung; andere erhöhen die Transaktionskosten, etwa die Sprachenvielfalt, da um komplexere Transaktionen durchzuführen, mindestens eine Partei die andere Sprache lernen muss oder aber beide Parteien einen Dolmetscher zwischenschalten müssen, was sowohl Geld kostet, da nur wenige Dolmetscher gratis arbeiten, wie auch die Transaktionszeit vergrössert, da die Übersetzungen Zeit beanspruchen. (Wobei ich damit nicht sagen möchte, dass die Transaktionskosten nicht auch durch Spezialisierung, und die Tauschgewinne nicht auch durch die Sprachenvielfalt erhöht werden können.)

Verständigungsschwierigkeiten gibt es jedoch nicht nur zwischen Leuten, die unterschiedliche Sprachen unterschiedlicher Sprachfamilien sprechen, sondern auch zwischen Leuten gleicher Muttersprache, beispielsweise, wenn sie unterschiedliche Dialekte sprechen, unterschiedliche Akzente haben, oder sich unterschiedlicher Fachsprachen bedienen. In diesen Fällen merken die Sprechenden jedoch relativ rasch und leicht, dass sie sich unterschiedlicher Sprachen bedienen, da sie unterschiedliche Wörter benutzen. Wenn die Sprechenden hingegen die gleichen Wörter gebrauchen, diese jedoch mit unterschiedlichen Bedeutungen füllen, verfallen sie leichter dem Irrglauben, die andern zu verstehen, da sie den Worten, die die andern äussern, bereits eine Bedeutung zugewiesen haben, es aber nicht offensichtlich ist, dass diese anderen nicht die gleichen Begriffsdefinitionen benutzen wie sie.

Besonders im politischen und philosophischen Kontext geschieht dies sehr oft. Viele politische Begriffe haben dutzende verschiedener Bedeutungen, die sich teilweise subtil, teilweise fundamental voneinander unterscheiden. Denn verschiedene politische Richtungen beschreiben die Realität auf unterschiedliche Arten und schreiben diverse Ereignisse unterschiedlichen Ursachen zu. Die Kapitalismusdefinitionen von Libertären und von Sozialisten überschneiden sich teilweise, widersprechen sich aber auch. Im normativen Bereich ist dies klar, da Sozialisten antikapitalistisch, Libertäre hingegen prokapitalistisch sind (wobei es Libertäre gibt, die für den freien Markt, aber gegen den Kapitalismus sind, da sie den letzteren im Widerspruch zur freien Marktwirtschaft sehen), aber auch die deskriptiven Definitionen unterscheiden sich.

Bei grossen, alten Ideologien lassen sich solche Definitionsdifferenzen relativ leicht ausmachen, wenn man sich gegenwärtig ist, dass Anhänger unterschiedlicher Ideologien potentiell unterschiedliche Sprachen sprechen. Wenngleich dies viele Leute im konkreten Diskurs übersehen. Begriffsdefinitionen werden jedoch nicht nur durch politische Ideologien geprägt, sondern etwa auch durch Religionen, durch persönliche Erfahrungen, oder durch die idiosynkratische Anschauung der Welt, die von den persönlichen Eigenheiten der Sinnesorgane und der Gehirn- und Nervensysteme geprägt ist. Beim Thema Farben wird oft ersichtlich, dass Leute die gleichen Farbwörter benutzen, aber damit unterschiedliche Farben benennen. Durch Begriffsstandardisierung lässt sich dieses Problem umgehen, was jedoch Zeit und Geld kostet.

Wenn unterschiedliche Begriffsdefinitionen schon bei Farben so weit verbreitet sind, obwohl diese ein klares externes Bezugsobjekt haben, dann dürften Begriffsdifferenzen bei unschärferen Begriffen, etwa Gefühlen (wie Hass oder Liebe) oder abstrakten Konzepten (wie Kapitalismus) noch grösser und noch weiter verbreitet sein. Man ist daher geneigt, zu sagen, dass jeder eine private Sprache besitzt und bei jedem Akt der Kommunikation zwei Fremdsprachen aufeinander prallen und der Versuch, eine andere Person zu verstehen, stets eine Übersetzungsleistung ist, wobei es hilfreich sein kann, zu wissen, dass es nicht gänzlich die eigene Sprache ist, die man zu verstehen versucht.

Je grösser die Sprachunterschiede sind, umso schwieriger sind Übersetzungen, umso mehr Ressourcen muss man dafür aufwenden, umso grösser ist die Gefahr von Missverständnissen und umso höher sind die Transaktionskosten, nicht nur die formalwirtschaftlichen eines Vertragsverhältnisses, sondern auch die informellen ausserhalb von Verträgen, etwa innerhalb einer Familie oder bei einer Begegnung mit Fremden.

Grössere Sprachenvielfalt macht, wie gesagt, grössere Übersetzungsleistungen notwendig. Die Sprachenvielfalt wird aber nicht nur durch Fremdsprachen erhöht, sondern auch durch kulturelle, politische, ideologische, religiöse, ökonomische, neurologische, oder subkulturelle Vielfalt. Wobei es leichter sein kann, eine Fremdsprache zu lernen als eine andere religiöse, neurologische oder philosophische Sprache.



Dezentrale Vielfaltsvielfalt

Da Vielfalt Vorteile und Nachteile hat, müssen sowohl die Vorteile als auch die Nachteile von irgendwelchen Menschen getragen werden. Die Nachteile lassen sich dabei eher akzeptieren, wenn man auch von den Vorteilen profitiert und auch, wenn man die Vielfalt selber wählen kann. Letzteres setzt jedoch voraus, dass die Vielfalt das Resultat von individuellen und kommunalen Entscheidungen für die Vielfalt ist und nicht durch Zentralplanwirtschaft erzwungen wird. Da die Vielfalt vielfältig bewertet wird, und die Vielfaltspräferenzen sehr verschieden sein können, bedingt dies Dezentralismus und Assoziationsfreiheit, damit die Leute dasjenige Vielfaltsniveau oder Vielfaltsbündel wählen können, dass sie persönlich präferieren, und nicht jenes hinnehmen müssen, dass im politischen Prozess für ein ganzes Land oder einen ganzen Kontinent bestimmt wird.