ars libertatis

Die Wahrheit mag existieren. Ethik und Ästhetik mögen existieren. Gott mag existieren. Nicht als intellektuelle Instrumente und Konzepte, sondern als unabhängige Existenzen. Es mag sein, dass manche Sätze über die Ethik oder die Ästhetik objektiv absolut und universell gültig sind. Vielleicht ist die Mathematik die Sprache des Universums und die Grundlage von allem, das existiert. Doch lässt sich die Wahrheit erkennen? Lässt sich die Wahrheit mit Sicherheit von der Unwahrheit unterscheiden? Lässt sich herausfinden, ob die Wahrheit existiert oder nicht? Lassen sich nicht-spekulative Aussagen darüber treffen, ob sich herausfinden lässt, ob die Wahrheit existiert oder nicht? Oder muss die Wahrheit existieren, um die Existenz der Wahrheit sinnvoll verneinen zu können? Ist die Frage nach der Wahrheit eine Bejahung des Glaubens an die Wahrheit? Wie kohärent ist das Konzept der Wahrheit schlussendlich?

Unabhängig von der Wahrheit über die Wahrheit ist es nützlich und dienlich, gewisse Dinge als wahr anzunehmen, beispielsweise die Schwerkraft oder die Keimtheorie, und andere Dinge als unwahr, wie etwa N-Strahlen, Polywasser oder die Hohlwelttheorie. Denn erstere haben sich produktiv verwerten lassen, letztere hingegen nicht.

Generell weise ich dem Naturwissenschaftlichen einen höheren Wahrheitsgehalt zu als dem Philosophischen. Nicht weil letzteres weniger wichtiger wäre, sondern weil ersteres leichter zugänglich ist. Die Gesetze, die die Bewegungen von Teilchen und Himmelsobjekten determinieren, lassen sich durch Beobachtungen und kontrollierte Experimente erforschen. Teilchenbeschleuniger mögen zwar teuer und kompliziert sein, aber der Philosophie mangelt es an einem Pendant. Sie ist viel kapitalschwächer und muss ohne Blindstudien oder Doppelblindstudien auskommen. Dies muss nicht bedeuten, dass ihre Erkenntnisse weniger solide oder weniger fundiert sind, aber impliziert doch, dass sie weniger klar und weniger transparent sind.

Da Ideologien aus vielen Einzelteilen bestehen, resp. ein Konglomerat von Memplexen darstellen, gibt es so viele Möglichkeiten für Irrtümer wie es einzelne Ideen oder Meme innerhalb der Ideologie gibt. Manche dieser Ideen sind Mitläufer von anderen, sind von diesen mitgeschleppt worden oder haben sich in deren Schatten eingeschlichen und vermehrt. Somit ist ein guter Teil der Ideen einer Ideologie weder bewusst durchdacht worden, noch das Ergebnis eines evolutionären eumemischen Selektionsprozesses. Dies macht es sehr wahrscheinlich, dass die Wahrheit fragmentiert ist und verstreut zwischen hunderten Philosophien, Religionen, Sekten, Ideologien, Kirchen, Institutionen, Theorien und Individuen. Die Wahrheit ist heterodox, aber nicht zwingend häretisch, und dies unabhängig davon, welche Ideologie als orthodox gilt oder welcher Ideologie man persönlich anhängt. Bisweilen dürfte die tatsächliche Wahrheit zudem orthogonal zu den geltenden Wahrheiten stehen.