ars libertatis

Wenn man sich die Homepage der Schweizerischen Laizistischen Gesellschaft ansieht, dann stehen Liberalismus und Laizismus tatsächlich in einem gewissen Widerspruch. Zwar gibt es Gemeinsamkeiten, wie etwa die Abschaffung staatlich erhobener Kirchensteuern oder die Nicht-Privilegierung religiöser Gruppierungen, doch andere Forderungen der SLG sind aus liberaler Perspektive fragwürdig bis inakzeptabel:

Laizismus bedeutet einen expliziten Gestaltungsanspruch der Gesellschaft, vertreten durch den Staat, auf Form und Auftreten des religiösen Lebens. Religiöse Gruppierungen sollen nur dann geduldet werden, wenn sie die Grundsätze der demokratischen und liberalen Gesellschaftsordnung offen anerkennen. Geistliche Führer sollen an staatlichen Hochschulen ausgebildet werden. 1

Laizismus bedeutet also die Trennung von Kirche und Staat in dem Sinne, dass sich die Kirche nicht in den Staat, aber der Staat sehr wohl in die Kirche (und wohl in jede andere Gruppierung mit weltanschaulichem Charakter) einmischen darf? Dies würde jedoch Religionsfreiheit, Glaubensfreiheit, Gewissensfreiheit, Kultusfreiheit und andere Freiheiten, die damit verbunden sind, beschränken. Von Bedeutung ist auch, dass der Staat nicht nur als oberste Macht und finaler Richter über der Kirche stehen soll, sondern dass er direkt in Theologie und Glaubensdoktrinen eingreifen soll, indem er die geistlichen Führer ausbildet und dadurch die Glaubenssätze der Religionsgemeinschaften formt. Ziel der SLG ist also eine relativ starke Uniformisierung aller religiösen Gruppierungen durch den Staat. Monarchistische, anarchistische, theokratische, erzkonservative, traditionalistische und ähnliche Gemeinschaften, wie beispielsweise die Amischen, müssten in einer laizistischen Schweiz wohl die erzwungene Assimilation und Auflösung fürchten.

Laizismus bedeutet eine Gesellschaft frei von religiöser Symbolik. Religiöse Symbole sollen in allen öffentlichen Räumen (Schulen, Gerichte, Verwaltungen und Einrichtungen des Service Public wie TV, Radio, etc.) verboten werden. 2

Hier stellt sich nicht nur die Frage, wieso nur religiöse Symbole, nicht aber auch andere weltanschauliche Symbole verboten werden sollen, sondern wie überhaupt zwischen religiösen und nicht-religiösen Symbolen unterschieden werden kann. Bei den Kreuzen ist beispielsweise sehr unklar, welche davon religiöse Symbole sind und welche nicht. Ist eine Swastika ein religiöses Symbol? Hängt dies davon ab, ob der Swastika-Träger ein Nationalsozialist, ein Buddhist oder ein atheistischer Künstler ist? Wie steht es mit der Mondsichel? Muss Pakistans Flagge verboten werden?

Dem Liberalismus widerspricht es nicht zwingend, wenn Staatsangestellten in Ausübung ihrer Tätigkeit untersagt wird, weltanschauliche Symbole zu tragen. Ebenso müsste ein Verbot des Anbringens von weltanschaulichen Symbolen (Kruzifix, Halbmond, Atheisten-A, Partei-Logos, Peace-Symbole) an staatlichen Gebäuden nicht zwingend illiberal sein. Es wäre jedoch eine starke Einschränkung der persönlichen Freiheit, wenn der Staat Privatpersonen, die sich in öffentlichen Räumen bewegen (z.B. Schülern, Studenten, Besuchern von Gerichtsverhandlungen, Leuten, die irgendetwas von einem Amt benötigen…) das Tragen von weltanschaulichen Symbolen verbieten würde.

Laizismus bedeutet Schutz vor religiöser Indoktrination. Religiöser Unterricht und vor allem religiöse Schulen sollen verboten werden. 3

Laizismus bedeutet also nicht nur die Trennung von Kirche und Staat, sondern auch die Trennung von Kirche und Schule, resp. Religion und Bildung? Das wäre eine starke Einschränkung der Bildungsfreiheit von Eltern und von Kindern, wie auch von Erwachsenen, die eine religiöse Schule besuchen möchten. Doch wieso sollten die Menschen nur vor religiöser und nicht auch vor anderer Indoktrination geschützt werden? Es gibt ja viele quasireligiöse, parareligiöse und sonstige ideologische Strömungen. Sollte man nicht auch diesen das Betreiben von Schulen und das Erteilen von Unterricht verbieten? Müsste nicht auch politische Indoktrination verwerflich sein, da sie der religiösen so ähnlich ist? Sollten folglich jegliche weltanschauliche Diskussionen aus dem Schulunterricht verbannt werden? Dürften Unterrichtsmaterialien keine positive Wertung von Demokratie, Liberalismus, Egalitarismus, Sozialismus, Feminismus oder Umweltschutz, und keine negative Wertung ihrer Gegenteile enthalten?


Etwas anders als bei der Schweizerischen Laizistischen Gesellschaft klingt es bei der Association suisse pour la Laïcité:

Das öffentliche Wesen ist jedermanns Eigentum und nicht aufteilbar (unteilbar), kein Bürger bzw. Gruppe von Bürgern hat seine Überzeugungen anderen aufzudrängen. Ebenso ist es dem laizistischen Staat untersagt, in kollektive Organisationen (Parteien, Kirchen, Vereine) einzugreifen, in die ein jeder Bürger nach eigenem Belieben eintreten kann und die der privaten Rechtsprechung unterstehen. Laizismus garantiert jedem Einzelnen das Recht, einer Glaubensrichtung beizutreten, sie zu wechseln, oder auch keine zu haben. Staatlicher Laizismus ist also nicht eine Glaubensbekenntnis unter vielen, sondern die erste und eigentliche Bedingung für das Nebeneinander verschiedener Glaubensrichtungen im öffentlichen Bereich. 4


Wenn sich die laizistischen Organisationen uneinig sind, was Laizismus bedeutet, lässt sich daraus schliessen, dass der Laizismus sowohl liberal als auch illiberal sein kann. Der Laizismus ist dem Liberalismus förderlich, wo er Freiheiten wie die Kunstfreiheit, die Meinungsäusserungsfreiheit, die Religionsfreiheit oder die Bildungsfreiheit stärkt, doch wo er diese Freiheiten einschränkt, lässt er sich nicht mehr mit dem Liberalismus vereinbaren. Wenn der Laizismus illiberal wird, nimmt er Charakteristika jener theokratischen, theonomischen oder klerikalistischen Ideologien an, die von Säkularisten und Laizisten oft kritisiert werden und mit denen sie sich gerne kontrastieren. Diese Gruppierungen sind sich zwar sehr uneinig in der Gottesfrage, aber beide Seiten wollen ihre bevorzugte Ideologe staatlich privilegieren und die Andersdenkenden darin einschränken, ihren Glauben oder Nichtglauben frei auszuüben und ihn beispielsweise ihren Kindern zu lehren oder dessen Symbolik öffentlich zu verbreiten. Dies heisst, gewisse Spielarten des Laizismus haben eine ebenso starke Tendenz zur Ideokratie wie der Klerikalismus. Der Liberalismus jedoch kann laizistischen ideokratischen Bestrebungen nicht wohlwollender gesinnt sein als religiösen ideokratischen Projekten.


  1. Schweizerische Laizistische Gesellschaft - Wer wir sind: Die SLG stellt sich vor…

  2. Schweizerische Laizistische Gesellschaft - Wer wir sind: Die SLG stellt sich vor…

  3. Schweizerische Laizistische Gesellschaft - Wer wir sind: Die SLG stellt sich vor…

  4. Association suisse pour la Laïcité - Was ist Laizismus ?