ars libertatis

Weibliche Beschneidung (auch weibliche Genitalverstümmelung oder weibliche Genitalbeschneidung genannt) stösst in allen ihren Formen und Schweregraden im Westen auf breite Ablehnung. (Wenngleich nicht auf so breite Ablehnung, wie man sich wünschen würde.) Männliche Beschneidung (auch Zirkumzision genannt) wird deutlich weniger stark abgelehnt. Dies liegt einerseits daran, dass ihre häufigste Form körperlich weniger invasiv und sexuell weniger einschränkend ist als die häufigste Form der weiblichen Beschneidung. Andererseits dürfte es daran liegen, dass die männliche Beschneidung nicht nur religiös motiviert ist, sondern medizinische Zwecke erfüllen kann. Sie kann beispielsweise als Mittel gegen die Vorhautverengung (Phimose) dienen, oder als Mittel, um das Risiko von HIV-Infektionen zu verringern. Zudem ist die männliche Beschneidung im Westen kulturell stärker verankert, da sie auch vom Judentum praktiziert wird, das im Westen zwar stets eine Minderheit gewesen ist, aber stärker präsent war als Religionen, die weibliche Beschneidung praktizieren. Weibliche Beschneidung ist Westlern und Westlerinnen folglich fremder als männliche Beschneidung. Zudem weckt die Einschränkung jüdischer Rituale und Bräuche unangenehme persönliche und historische Erinnerungen, während mit der Einschränkung der Praktiken anderer Religionen weniger derartige Assoziationen verknüpft sind.

Trotzdem gibt es Leute im Westen, die die religiöse Zirkumzision einschränken möchten, sei es mittels intellektueller Missbilligung oder mittels staatlicher Verbote. Ein Argument, das vorgebracht wird, lautet, dass die Beschneidung die körperliche Unversehrtheit der Kinder verletzt, dass dies gegen ihren Willen geschieht (oder ohne dass sie fähig wären, ihren diesbezüglichen Willen zu bekunden) und dass die religiöse Beschneidung medizinisch nicht notwendig ist. Dieses Argument gründet auf der Prämisse, dass Körperverletzung an Leuten, die ihr nicht zustimmen können oder wollen, nur durch die medizinische Notwendigkeit des Eingriffs legitimiert werden kann, aber nicht durch die religiöse Notwendigkeit. Die Beschneidungsgegner weisen darauf hin, dass selbst medizinisch nicht notwendige Körperverletzung, die in gegenseitigem Einvernehmen und unter mündigen Erwachsenen geschieht, gesetzlich mehr oder minder stark eingeschränkt wird, und dass es in vielen Staaten verboten ist, Kinder körperlich zu züchtigen. Da beide Einschränkungen generell akzeptiert werden, deutet dies darauf hin, dass die Prämisse zumindest in schwacher Form von vielen Leuten geteilt wird. Gegen diese Argumentation wenden manche Befürworter der legalen Zirkumzision ein, dass man dann auch verbieten müsste, dass Eltern ihren Kindern Ohrringlöcher stechen lassen. Und dass dies erstens die elterlichen Erziehungs- und Sorgebefugnisse unverhältnismässig stark einschränken würde und dass zweitens selbst die Beschneidungsgegner nicht so weit gehen würden. Worauf diese einwenden, dass das Ohrlochstehen weniger invasiv ist als eine Beschneidung, dass Eltern ihre Kinder nicht leichtfertig piercen dürfen sollten, da dies eine medizinisch unnötige Körperverletzung darstellt, und dass die körperliche Unversehrtheit der Kinder und deren Selbstbestimmung wichtiger seien als die Erziehungsrechte der Eltern.

Das Thema der Zirkumzision ist keineswegs ausdiskutiert, sondern dürfte uns im gesellschaftlichen und politischen Rahmen während den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiterhin beschäftigen. Wenn der medizinische und technologische Fortschritt andauert, wird eine neue bioethische Frage hinzukommen, die ähnliche Probleme anschneidet wie die Frage der Zirkumzision: Dürfen oder sollen Eltern aus ihren Kindern Cyborgs machen?

Die Zirkumzisionsgegner dürften hier darauf beharren, dass nur medizinisch notwendige Eingriffe an Kindern vorgenommen werden dürfen. Doch wie definiert sich die medizinische Notwendigkeit im Zeitalter der Verschmelzung von Mensch und Maschine?

Grundsätzlich akzeptiert sind heute Eingriffe, wenn sich damit durch Verletzungen oder Krankheiten verlorene Fähigkeiten wiederherstellen lassen, oder wenn angeborene Einschränkungen vorliegen, die sich ähnlich auswirken und ähnlich behandeln lassen. In diesen Bereich fallen unter anderem Gliederprothesen und Cochleaimplantate. Insbesondere ersteres ist ein Beispiel dafür, dass bereits vor Jahrtausenden Frühformen kybernetischer Organismen existiert haben und dass manche Verflechtungen von Fleisch und Technologie gesellschaftlich und kulturell fast vollständig akzeptiert sind.

Von medizinischer Notwendigkeit wird nicht gesprochen, wenn die Eingriffe darauf abzielen, einen Zustand herzustellen, der das menschliche Normalniveau übersteigt. Insbesondere wenn sich die behandelte Person zuvor ungefähr auf dem Normalniveau befunden hat. Supernormalität schaffenden Cyborg-Implantaten dürfte somit die medizinische Notwendigkeit abgesprochen werden. Selbst wenn die dazu notwendigen Operationen nur im Kindesalter vorgenommen werden können oder in diesem Alter viel grössere Wirkung entfalten.

Die Zirkumzisionsbefürworter müssen die Argumente, die sie bei der Beschneidung vorgebracht haben, auch auf die Cyborgifizierung anwenden. Wenn das elterliche Erziehungsrecht das Ohrpiercen zu ästhetischen Zwecken oder das Vorhautbeschneiden zu religiösen Zwecken legitimieren kann, kann nicht a priori ausgeschlossen werden, dass es Eingriffe zu leistungssteigernden Zwecken nicht legitimieren kann. Wenn Zirkumzision legal sein soll, weil dies eine religiöse Tradition ist und ein wichtiger Teil der religiösen Identität, sollte die Möglichkeit gewährt werden, neue Traditionen zu beginnen, zu denen Cyborg-Implantate gehören können. Auch die Religionsfreiheit ist hier betroffen, da es technologiefreundliche Religionen gibt und beispielsweise das Klonverbot die religiöse Freiheit der Raëlianer einschränkt. Es ist daher gut vorstellbar, dass Gesetze, die sich gegen Cyborgifizierungen im Kindesalter wenden, die Religionsfreiheit schmälern.

Kurzum müssen beide Seiten der Debatte neue, resp. zusätzliche Argumente präsentieren, wenn sie Zirkumzision und Cyborgifizierung unterschiedlich behandeln wollen. Sie könnten beispielsweise argumentieren, dass alte und junge Traditionen nicht gleich behandelt werden sollten. Die Auswirkungen dieses Arguments auf andere politische oder philosophische Bereiche dürften interessant sein. Sie könnten argumentieren, dass Cyborgifizierung die Menschen glücklicher und leistungsfähiger machen kann. Dann müssten sie in Betracht ziehen, dass dies auch für die Zirkumzision gelten könnte. Bei manchen Eingriffen könnten sie argumentieren, dass sie ebenso präventiv wirken wie Impfungen und deswegen medizinisch notwendig sind. Hier beginnt sich zu zeigen, dass die medizinische Notwendigkeit ein grosses Spektrum von Eingriffen und Massnahmen umfasst, das vom Retten eines akut gefährdeten Lebens bis zum Senken des Risikos reicht, sich mit einer Krankheit anzustecken, der man vielleicht nie begegnen wird. Wie direkt muss eine Risikoreduktion sein, um noch als medizinisch notwendig zu gelten? Eine Impfung ist eine Massnahme, die ziemlich direkt wirkt. Eine Steigerung der Intelligenz wäre eine viel indirektere Massnahme, doch bedeutet dies, dass sie deswegen keine medizinisch notwendige Krankheitsprävention sein kann?