ars libertatis

Zwang gibt es in so vielen verschiedenen Formen, dass sich kaum sagen lässt, der eine Zwang sei der einzig wahre. Dies schliesst aber nicht aus, dass eine Art von Zwang schlimmer ist als eine andere oder sich leichter bekämpfen lässt.


Abschnitte


Physikalischer Zwang

Die ersten und letzten Zwänge. Die endgültigsten aller Zwänge. Die Zwänge, die dem Universum seine Struktur geben und an seinem Grunde liegen. Sie werden auch Naturgesetze oder physikalische Gesetze genannt. Die Gravitation gehört beispielsweise dazu, die Raumdimensionen, und die Zeit an und für sich.


Natürlicher Zwang

Der Zwang, den die nichtmenschliche Umwelt auf den Menschen und die Menschheit ausübt. Dazu gehören physikalische Zwänge, chemische Zwänge, biologische Zwänge, geologische Zwänge, geografische Zwänge, klimatische Zwänge, und viele weitere.


Ökonomischer Zwang

Der Zwang, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten, um seinen Haushalt bestreiten zu können. Sei dies, seine Arbeitskraft auf dem Markt zu verkaufen, sich in eine Kolchose einzufügen, der staatlichen Bürokratie Folge zu leisten, auf einer einsamen Insel nach Nahrungsmitteln zu suchen, sich ums Haus und die Kinder zu kümmern, oder in einer Gruppe von Wildbeutern und Feldbeutern entweder jagen oder sammeln zu gehen. Kann als Kombination von natürlichem Zwang (wozu die Knappheit der Ressourcen gehört) und zwischenmenschlichem Zwang verstanden werden.


Staatlicher Zwang

Zwang, der vom Staat ausgeübt wird und alle Formen des zwischenmenschlichen Zwanges annehmen kann, jedoch zumeist als drohender Zwang auftritt. Staatlicher Zwang kann an Gesetze gebunden sein oder der Willkür der ausführenden Organe (beispielsweise der Polizei, der Armee, oder diverser Ämter) überlassen werden. Staatlicher Zwang kann unter anderem in der Form der Besteuerung, der Wehrpflicht, des Vergewaltigungsverbots, der Alkoholprohibition, der Schulpflicht, und der Todesstrafe auftreten.


Gesellschaftlicher Zwang

Zwang, den die Gesellschaft auf ihr Mitglieder und Mitgliederinnen oder auf Aussenstehende anwendet, ohne dass dabei der Zwang vom Staat und den Staatsorganen ausgeführt wird oder lediglich von einzelnen Individuen ausgeht. Statuszwang und ausschliessender Zwang sind wohl die geläufigsten Zwänge. Diese Zwänge können stärker oder schwächer formalisiert sein. Der Knigge gehört hier ebenso dazu wie die politische Korrektheit oder Kleidungsvorschriften. Bei letzteren zeigt sich gut, dass Gesellschaftsnormen heute tendenziell weniger formalistisch sind als früher, sondern sich eher nach verborgenen Regeln richten.


Physiologischer Zwang

Die Zwänge, die unserer urbiologischen Körperlichkeit entspringen. Wie etwa Hunger oder Durst, die Verdauung, das Atmen, der Herzschlag, die Zellalterung, die Seneszenz, oder Reflexe (z.B. der Kniesehnenreflex, der Lidschlussreflex, oder der Greifreflex).


Psychologischer Zwang

Was die Neurologie der Psychologie, das Hirn dem Geist, oder das Unterbewusstsein dem Bewusstsein aufzwingt. Aspekte des Innenlebens, die man bewusst nur schwerlich ändern kann. Limerenz gehört hier dazu, Instinkte, Triebe, Grundbedürfnisse und Aspekte psychischer Erkrankungen. Aufgrund der Auflösung des Körper-Geist-Dualismus gibt es Überschneidungen mit den physiologischen Zwängen.


Zwischenmenschlicher Zwang

Zwang, den die Menschen einander antun, der viele Formen annehmen kann, die sich teilweise überschneiden oder ergänzen:


Unmittelbarer Zwang

Zwang, mit dem der Körper eines Mitmenschen physisch manipuliert wird. Körperverletzung ist die direkteste Form. Einen Menschen zu fesseln, ihn zu packen, ihn mit sich zu ziehen, ihn zu schubsen, oder ihn einzusperren, gehört ebenfalls dazu.


Drohender Zwang

Hier wird der unmittelbare Zwang nicht angewandt, sondern als Konsequenz bei Nichtbefolgen bestimmter vager oder spezifischer Anweisungen in Aussicht gestellt. Erpressung wirkt drohend, das Gesetz funktioniert in erster Linie ebenfalls so. (Erst nach einer Drohkaskade von je nach Fall unterschiedlicher Länge greifen die Staatsorgane zu unmittelbarem Zwang.)


Statuszwang

Zwang, der die soziale Position einer Person betrifft. Die Bewahrung oder die Verbesserung des Status wird als Druckmittel benutzt, um die Person zu bestimmten Handlungen oder Handlungsunterlassungen zu überreden. Statuszwang ist oft implizit, was bedeutet, dass es manchen Leuten leichter fällt als anderen, ihr Verhalten so anzupassen, dass es sich möglichst positiv auf ihr Ansehen und ihren Ruf auswirkt.


Unterlassender Zwang

Zwang, der dadurch ausgeübt wird, das bestimmte Handlungen unterlassen werden, zu denen beispielsweise eine rechtliche oder ethische Pflicht besteht, oder die versprochen wurden, oder die die menschlichen Grundbedürfnisse erfüllen würden. Hierzu gehören die Nichterfüllung vertraglicher Pflichten, unterlassene Hilfeleistung, sowie die Nichterfüllung staatlicher Aufgaben, wie etwa der Herstellung innerer Sicherheit.


Ausschliessender Zwang

Ächtung, Boykott, Verfemung, Verbannung, Ostrazismus. Ein Inviduum oder ein Kollektiv wird von einer Gesellschaft, einer Gemeinschaft oder einer Gruppierung ausgeschlossen, indem es ignoriert wird, indem es beleidigt und beschimpft wird, indem der kommerzielle Handel mit ihm reduziert wird (die Bandbreite hier ist gross und reicht von der freiwilligen Entscheidung, ihm sein Lokal nicht für Veranstaltungen oder Auftritte zur Verfügung zu stellen bis hin zum gesetzlichen Verbot, ihm Waren des alltäglichen Gebrauchs zu verkaufen), indem ihm der Zutritt und Zugang zu öffentlichen Plätzen und Räumlichkeiten verweigert wird oder indem es physisch von der Gesellschaft entfernt und womöglich auf eine ferne Insel oder einen fernen Kontinent gebracht wird.