ars libertatis

Zweifel können mühsam und anstrengend sein. Es ist einem entspannten und glücklichen Leben nicht immer zuträglich, an sich selber und an seinen Mitmenschen zu zweifeln. Einerseits kostet das Zweifeln Zeit und beansprucht die geistigen Kapazitäten, über die man verfügt, andererseits können Selbstzweifel der Selbstsicherheit und dem Selbstvertrauen und somit der inneren Ruhe abträglich sein. An den Mitmenschen zu zweifeln kann das Vertrauen in diese mindern und so das gegenseitige Verständnis und den Zusammenhalt schwächen. Doch manche Menschen können nicht anders, als zu zweifeln, und manche wollen nicht anders.

Will man das Zweifeln ernst nehmen, reicht es nicht aus, bloss an der einen oder andern Sache zu zweifeln. Die Zweifel müssen sich auf alle Aspekte der Realität, der Wahrnehmung und des Denkens richten. Dies bedeutet nicht, dass man an nichts glauben kann oder soll, oder dass man allen vorstellbaren und unvorstellbaren Ereignissen dieselbe Eintrittswahrscheinlichkeit zuschreiben sollte, sondern dass man auch an seinen Zweifeln zweifeln sollte. Dies fällt jedoch schwer, wenn man nicht weit und tief liest, und wenn man nicht zu jedem intellektuellen Gegenstand die besten Argumente aller Perspektiven aufspürt und durchdenkt. Die vielfachen und vielfältigen Standpunkte zu einem Thema auf einen Dualismus zu reduzieren, ist dabei dem tiefgreifenden und weitreichenden Zweifel genauso abträglich wie sich beim Erkunden eines Themenbereichs vorwiegend auf die Darstellung der Argumente durch jene Personen zu verlassen, deren Perspektive man am nächsten steht.

Begnügt man sich beim Zweifeln mit Sekundärquellen, Tertiärquellen und Quartärquellen oder Sekundärliteratur, Tertiärliteratur und Quartärliteratur und vorwiegend mit Werken, die dem eigenen Blickwinkel nahe stehen, wird das eigene Zweifeln oberflächlich bleiben und von Tiefenströmungen mitgerissen werden, die einem unsichtbar bleiben müssen. Der Universalzweifel wird leicht zu einem Zweifel, der sich vorrangig gegen die Meinungen und Ideen der Andersdenkenden richtet, und damit zu einer Bestätigung des eigenen Standpunkts und der eigenen Sichtweise.

Deshalb besteht die ständige Gefahr, dass der Zweifel vom Unzweifel instrumentalisiert wird. Metazweifel, also Zweifel an den Zweifeln, dürften hier vorbeugend wirken und zudem einige Nachteile des Zweifelns temperieren. Denn das Metazweifeln hält die Zweifler dazu an, nicht nur an sich selber zu zweifeln, sondern auch an ihren Selbstzweifeln zu zweifeln, was die letzteren lindern kann. Insofern kann der Metazweifel ein paar der Vorteile des Zweifels und des Unzweifels vereinen, er ist dementsprechend allerdings noch zeitaufwändiger und intellektuell noch anstrengender. Dies sollte aber niemanden davon abhalten, sich hin und wieder im Metazweifeln zu üben.