Im Sinne des Mottos der Solothurner Literaturtage „Anfänge.Débuts.Inizi.Entschattas“ hat sich eine „groupe de réflexion“ zusammengesetzt und in drei Sprachen darüber diskutiert, welche literarische Zukunft wir wollen. Das Spannende dieser Auseinandersetzung ist, dass sich Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Landesteilen mit Vertretern der Verbände zusammengesetzt haben.
Alle sind sich einig, dass die Literatur ein stärkeres Gewicht in der Öffentlichkeit, in der Kulturpolitik verdient. Literatur – vom Schreiben übers Publizieren bis zum Vertrieb – braucht mehr Öffentlichkeit und mehr finanzielle Mittel.
Es klingt sehr verdächtig, wenn sich alle einig sind. Denn das bedeutet entweder, dass praktisch alle Schweizer Autoren gleicher Meinung sind (was die Schweizer Literatur in ziemlich schlechtem Licht dastehen liesse) oder dass eine Vorselektion mit ideologischem Einschlag stattgefunden hat, bei der ein (unbewusstes oder bewusstes) Selektionskriterium der Hang zum Etatismus und die Liebe zur Kulturpolitik gewesen war.
Folgende Forderungen und Vorschläge sind aus der Diskussion hervorgegangen:
1. Schaffung von Koordinationsstellen zur Verbesserung der Literaturvermittlung zwischen Autoren, Verlagen und Schulen.
Ich zweifle daran, dass der Literaturbetrieb mehr Bürokratie und mehr Mittelsmänner braucht.
2. Schweizer Bibliotheken verpflichten sich, bei jedem 7-ten eingekauften Buch eine lebende Schweizer Autorin, einen lebenden Schweizer Autor zu berücksichtigen.
Ich halte es für besser, wenn die Bibliotheken selber entscheiden, welche Bücher sie kaufen wollen. Ihnen vorzuschreiben, welche Bücher sie einkaufen müssen, ist zudem die Kehrseite davon, ihnen vorzuschreiben, welche sie nicht einkaufen dürfen. Und wenn letzteres Zensur ist, ist es wohl auch ersteres.
3. Die Beziehungen zu den Ländern stärken, in denen die Schweizer Landessprachen gesprochen werden.
Aussenpolitik zum Zwecke der Literaturförderung?
4. Die Auswirkungen des Lesens auf den Menschen werden im Rahmen eines nationalen Forschungsprojektes untersucht.
Das klingt durchaus interessant, aber abgesehen davon, dass ich nicht denke, dass ein solches Forschungsprojekt vom Staat finanziert werden sollte, glaube ich auch nicht, dass es irgendeine neue Erkenntnis liefern würde. Schon nur deshalb, weil es ziemlich schwierig ist, die verschiedenen Arten des Lesens (z.B. Lesen von Gratiszeitungen vs. Lesen von alter deutscher Philosophie) voneinander zu trennen und die Effekte des Lesens von anderen Effekten (IQ, Autodidaktik, etc.) zu unterscheiden.
5. Erstellen einer Bestandesaufnahme der aktuellen Kulturpolitik und der bestehenden Fördermassnahmen.
Zugegeben, das wäre durchaus nützlich, denn dann wüsste man genau, was man abschaffen sollte.
6. Benennung jener Literaturströmungen, die sich nicht in Kategorien pressen lassen. Sie heissen Stör.
Ich hoffe, die Ironie hinter diesem Vorschlag ist absichtlich.
7. Lesen und kreatives Schreiben ist Teil des Schulunterrichts.
In meinen Augen lässt sich kreatives Schreiben schulisch nur schlecht umsetzen. Diejenigen Schüler, die die Schule als unangenehm empfinden, werden diese Empfindung unter Umständen mit dem kreativen Schreiben assoziieren und später folglich nur ungern selber kreativ schreiben. Der Schulunterricht hätte sich hier folglich als kontraproduktiv erwiesen. Und auch die anderen Schüler werden in ihrer Kreativität empfindlich eingeschränkt, wenn sie mit Notenabzügen dafür bestraft werden, dass sie sich nicht strikt an die Themenvorgaben halten.
8. Gezielte Verlagsförderung ist notwendig, um das kulturell orientierte Verlagswesen in seiner Vielfalt zu stützen.
Dies würde eine aktive Gestaltung der Literaturlandschaft durch den Staat bedeuten. Dies mag besser klingen als Zensur, würde aber die Kunstfreiheit und Kulturfreiheit ebenfalls einschränken. Denn auch eine gezielte Verlagsförderung wäre staatliche Informationskontrolle.
9. Schaffung von Literaturzügen.
Ich will nicht noch höhere Billetpreise, um die Literaturzüge der Literati zu subventionieren. Zudem kann man heute schon in Zügen relativ gut lesen. Auch wenn der Mangel an Platz und unhöfliche Passagiere sich störend auswirken können.
10. Erhöhung der Anzahl Übersetzungen unter der Berücksichtigung der Vielfalt, nicht der Rentabilität.
Die Vielfalt ist selber sehr vielfältig. Eine staatliche Vielfaltsförderung würde jedoch vermutlich bloss ein paar wenige Facetten der Vielfalt berücksichtigen und bei den anderen Aspekten der Vielfalt für Einfalt sorgen. Kurz gesagt: Vielfalt muss spontan und dezentral entstehen, staatlich befohlene Vielfalt kann kaum etwas anderes sein als Uniformität in einem andern Gewand.
11. Suchen nach der Herkunft von Wörtern und öffentliches Diskutieren darüber.
Ich mag Etymologie ja auch, aber ich möchte sie trotzdem nicht zur nationalen Freizeitbeschäftigung erklären. Ich glaube auch nicht, dass dies gut enden würde.
12. Etablierung des Verleihrechts.
Whatever.
13. Einführung eines täglichen Literaturtipps im Fernsehen zur besten Sendezeit.
Lieber nicht. Es steht zu befürchten, dass der Geschmack der Fernsehliterati als repräsentativ für guten Geschmack dargestellt werden würde, was so falsch wie abschreckend wäre. Davon abgesehen kann man einem Schopenhauer-Liebhaber kaum dieselben Bücher empfehlen wie einem Glückspost-Leser.
14. Festivals, Lesungen, Performances durchführen als Auftritts und Begegnungsmöglichkeiten.
Der Staat soll sich weniger in die Freizeitgestaltung der Bürger einmischen, und nicht noch stärker.
Die „Solothurner Verlautbarung“ lässt sich nicht in wenigen Sätzen zusammenfassen.
Der Anfang hat mit diesen Diskussionen erst angefangen.
Die „Solothurner Verlautbarung“ soll weitergedacht und weitergetragen werden, von der „groupe de réflexion“, von der Literaturszene, der Politik und den Medien.
Ob das geschehen wird, ist zweifelhaft.