Gilt ethische Unabhängigkeit auch für Faschisten?

Hier also – mit Bezug auf die Frage nach der Realität von ästhetischen und moralischen Werten, nicht nach der Existenz Gottes – wäre die Grenze zwischen Religiosität und Irreligiosität zu ziehen.
[...]
Dworkin nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er das Minarettverbot beurteilt: «Niemand, der diese politische Kontroverse verfolgt hat, kann auch nur den geringsten Zweifel haben, dass der Ausgang des Referendums eine pauschale Ablehnung der Kultur und Religion des Islams zum Ausdruck brachte. Es war eine Kriegserklärung an das egalitäre Ideal ethischer Unabhängigkeit.»1

In diesem Sinne wären also auch Ideologien wie der Nationalsozialismus, der Sozialismus, der Nationalismus, der Kommunismus, der Faschismus, der Säkulartraditionalismus oder der Humanismus Religionen. Einschränkungen dieser Weltanschauungen, wie etwa ein Verbot, bestimmte Symbole in der Öffentlichkeit zu zeigen, wären somit ebenfalls pauschale Ablehnungen dieser Ideologien. Dies dürfte so weit noch wenig umstritten sein, doch bei konsequenter Weiterführung Dworkins Argumentation könnte auch ein Hakenkreuzverbot eine Kriegserklärung an das egalitäre Ideal ethischer Unabhängigkeit darstellen. Aus dem oben zitierten Artikel geht zumindest nicht hervor, dass Dworkin Ausnahmefälle vorgesehen hätte, bei denen die Ausübung einer Religion nahezu gänzlich verboten werden kann, ohne dass dies die ethische Unabhängigkeit verletzen würde.

Einmal mehr wird also die journalistische Behandlung einer philosophischen Thematik in sehr flachen Gewässern gehalten. Denn zwar wird einerseits der Faschismus gerne als säkulare (oder auch nicht säkulare) Religion bezeichnet und andererseits und an anderer Stelle die Religionsfreiheit vehement verteidigt, doch die beiden Konzepte werden nur selten zusammengeführt. Für den Zustand der Gegenwartsphilosophie wäre es jedoch kein gutes Zeichen, wenn auch ein so berühmter Vertreter des Fachs wie Dworkin nicht darüber nachgedacht oder es zumindest unterlassen hat, sich in Schrift und Wort ausführlich damit zu befassen. Denn es wäre gerade die Aufgabe der Philosophen und allgemein der Intellektuellen auf Widersprüche aufmerksam zu machen und unangenehme Schlussfolgerungen zu ziehen.


  1. Tages-Anzeiger – Warum auch ein Atheist tiefe religiöse Gefühle haben kann []

Jugendliche, Sex & Enthaltsamkeit

Lukas Scherrer schreibt:

Die Jugendlichen von heute sind pervers, verdorben und steigen immer früher miteinander ins Bett. Das könnte man meinen, würde man dem Gezeter einiger älterer Semester Glauben schenken. Doch siehe da: Trotz allgegenwärtiger Nacktheit in Werbung und Medien und der frei zugänglichen Pornografie im Internet hat sich der Anteil sexuell aktiver Jugendlicher in den letzten 30 Jahren kaum verändert. Dennoch reagieren immer mehr junge Menschen auf die sexuelle Reizüberflutung in unserer Gesellschaft und wollen sich ihre Jungfräulichkeit für die Gemeinschaft der Ehe aufsparen.

Wenn sich der Anteil sexuell aktiver Jugendlicher kaum verändert hat, dann kann es nicht sein, dass sich gleichzeitig immer mehr ihre Jungfräulichkeit für die Ehe aufsparen. Es könnte höchstens sein, dass sie dies wollen, jedoch daran scheitern. Doch Scherrer unterlegt dies leider nicht mit Daten.

Soll das die Lösung, die Gegenbewegung zur angeblich übersexualisierten Welt sein? Indem man sich vor der Sexualität verschliesst?

Monogamie mit jungfräulich geschlossener Ehe bedeutet nicht, dass man sich der Sexualität verschliesst, sondern lediglich, dass man ihrer Ausübung gewisse Schranken setzt, die vielleicht Sinn machen und vielleicht nicht. Innerhalb dieses Rahmens findet Sexualität jedoch weiterhin statt und kann unter Umständen befriedigender sein als ein Sexualleben, das ausserhalb dieser selbstgewählten Beschränkungen stattfinden würde. A priori lässt es sich zumindest nicht ausschliessen.

Die Evolution (oder Gott, wenn Sie mögen) hat den Menschen auch die Sexualität gebracht. Was also soll falsch daran sein, sie erfahren zu wollen, wenn der Körper beginnt, die ersten hormonellen Signale auszusenden?

Erstens kann es illegal sein. Das Sexualleben von Jugendlichen unterliegt starken gesetzlichen Beschränkungen. Damit will ich jedoch nicht sagen, dass es moralisch falsch ist, weil es gesetzlich verboten ist. Aber ich möchte doch darauf hinweisen, dass Scherrer das Schutzalter aufweichen müsste, wenn er die obige Aussage konsequent zu Ende denkt und ich zweifle ein wenig daran, dass er dies tun will. Und auch wenn es moralisch nicht falsch ist, ein bestimmtes Gesetz zu brechen, so kann es immer noch aus Gründen der Vorsicht und der Bewahrung der eigenen Freiheit falsch sein, dies zu tun. Zudem kann es unmoralisch sein, unmoralische Gesetze zu brechen, wenn man mit dem Gesetzesbruch andere gefährdet, und beispielsweise den Sexualpartner oder die Sexualpartnerin in Gefahr bringt, mit Freiheitsentzug bestraft zu werden.

Überdies bedeutet es nicht, dass Sexualität (im Rahmen der Einvernehmlichkeit) beliebig ausgelebt werden sollte, bloss weil sie natürlich ist. Schliesslich sind auch Hochmut, Geiz, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit natürlich. Doch die Zivilisation gründet sich auf die rechtliche und sittliche Beschränkung dieser Triebe. Zwar mag es für manche so aussehen, als wäre lediglich die Beschränkung des Aggressionstriebs relevant und der Sexualtrieb könne beliebig ausgelebt werden, solange das gegenseitige Einverständnis bewahrt bleibt, ohne dass dies der Zivilisation abträglich wäre. Doch meine frühere Sicherheit, dass dem so ist, habe ich verloren und heutzutage bin ich diesbezüglich agnostisch. (Ein weiterer Grund, wieso ich Kleinstaaten, Sezessionismus und institutioneller Pluralismus stärker befürworte als weltweiten Liberalismus.)

Die Sexualität ist ein natürliches Bedürfnis des Menschen. Wird dieses Bedürfnis einfach unterdrückt, kann das für Körper und Geist auf Dauer kaum förderlich sein.

Der Sexualtrieb ist tatsächlich natürlich, der Aggressionstrieb aber ebensp. Die Kombination der beiden Triebe zu unterdrücken, dürfte jedoch nicht nur für Körper und Geist der potenziellen Opfer förderlich sein, sondern auch für jenen der potenziellen Täter und Täterinnen. Bei etlichen der sieben Todsünden, etwa bei der Völlerei oder der Habgier, sollte selbst für den aufgeklärten und abgeklärten Humanisten klar sein, dass es sich dabei im Kern um natürliche Bedürfnisse handelt und dass es für Psyche und Physis gut ist, sie bis zu einem gewissen Punkt zu unterdrücken. Die Möglichkeit, dass es sich mit der Wollust ähnlich verhält, sollte daher nicht leichtfertig verworfen werden.

Befürworter der vorehelichen Keuschheit argumentieren, die Ehe würde harmonischer. Doch ist es nicht eher so, dass der jugendliche Entscheid zur sexuellen Enthaltsamkeit auch durchaus gefährlich sein kann?

Alles birgt Gefahren. Daher kann man keine Handlung allein deswegen verwerfen, weil sie gefährlich ist. Man muss vielmehr die Gefahren gegen den Nutzen abwägen und diese mit den Gefahren und dem Nutzen der realistischen Alternativen vergleichen.

Wer die spätere Liebe seines Lebens nicht auf Herz und Nieren überprüft, dem fehlt eine wichtige Gewissheit, die für eine funktionierende Ehe nicht unerheblich ist. Können zwei Verliebte das erste Mal kaum mehr erwarten, besteht nicht zuletzt auch die Gefahr einer verfrühten und unüberlegten Heirat.

Das Argument mag theoretisch vielleicht überzeugen, doch ob die Empirie es unterstützt, ist fraglich. So gibt es Studien, die zeigen, dass vorehelicher Geschlechtsverkehr mit einem höheren Scheidungsrisiko verknüpft ist, auch wenn womöglich ein Drittfaktor verantwortlich für den Zusammenhang ist.

Es gibt nur einen Liberalismus

Die Übungsanlage krankt an der fragwürdigen Aufteilung in Wirtschafts- und Gesellschaftsliberalismus, die verwandt ist mit der früher beliebten Unterscheidung zwischen politischem und wirtschaftlichem Liberalismus, wie sie etwa vom italienischen Philosophen Benedetto Croce entwickelt wurde. Heute treffen solche Differenzierungen vorzugsweise jene, die die Zwangsgewalt des Staates nicht auf die Durchsetzung allgemeiner Verhaltensregeln begrenzen möchten, sich aber gerne als Liberale sähen.

Die Unterscheidung zwischen mehreren Liberalismen führt indessen gleich mehrfach in die Irre. So suggeriert sie, Wirtschaft und Gesellschaft seien nicht sich stark überlappende Teilsysteme eines Ganzen, sondern abgeschlossene Bereiche menschlichen Zusammenwirkens. Ferner nährt sie die Vorstellung, man könne gesellschaftlich liberal, wirtschaftlich aber interventionistisch politisieren – und umgekehrt. Die deutschen Ordoliberalen haben das unter dem Motto «Interdependenz der Ordnungen» als langfristig unmöglich erkannt, und Milton und Rose Friedman sprechen in «Free to Choose» zu Recht von der «Freiheit als einem Ganzen». Gefährlich ist an der behaupteten Dichotomie aber vor allem die Ansicht, in gesellschaftlichen Fragen gälten andere – vermeintlich ebenfalls liberale – Prinzipien als in wirtschaftlichen. Für den Liberalismus ist es laut Friedrich August von Hayek jedoch durchgehend oberstes Ziel, dass der Mensch keinem willkürlichen Zwang unterworfen ist: «Die . . . Forderung nach Freiheit verlangt, dass niemand von anderen Menschen in seinen persönlichen Anstrengungen behindert wird, erwartet aber nicht, dass die Gemeinschaft oder der Staat bestimmte Güter bereitstellt.»
[...]
Liberale dagegen werden sich in gesellschaftlichen Fragen ebenso neutral verhalten wie auf wirtschaftlichem Gebiet. Sie wissen nicht, was den Menschen besser frommt, sie sind überzeugt, dass nicht für alle die gleichen Produkte und Lösungen gut oder schlecht sind, sie glauben an den Entdeckungsprozess des Wettbewerbs. Eine Freiheit, die von der Allgemeinheit bezahlt wird, werden sie genauso wenig als gesellschaftsliberal begreifen wie eine dauerhaft staatlich subventionierte Herstellung von Produkten als wirtschaftsliberal. Sie werden vielmehr in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft den gleichen, einfachen Prinzipien folgen. Gesellschaftspolitisch das Gegenteil von dem zu verlangen, was wirtschaftspolitisch gilt, muss ihnen daher notwendigerweise als Inkonsistenz, Etikettenschwindel oder Perversion der liberalen Idee vorkommen – oder als alles zusammen.1


  1. G. S. – Wirtschaftsliberal, gesellschaftsliberal oder ganz einfach liberal? []

Ein paar Fragen zur Fortpflanzungsmedizin

Welche Welt ist aus moralischen, utilitaristischen, ästhetischen oder eudämonistischen Gesichtspunkten zu bevorzugen: Jene, in der sich die Menschen höchstens temporär mit physischen oder psychischen abfinden müssen oder jene, in der manche Menschen schon von Geburt an funktionsunfähige Beine haben oder den Grossteil ihres Lebens blind verbringen müssen? Jene, in der es nur Schöne oder Intelligente gibt oder jene, in der die Dummen und Hässlichen in der Mehrheit sind?

Was ist besser für das grösste Glück der grössten Zahl: Wenn eine Mehrheit der Menschen mit physischen und psychischen Behinderungen leben muss oder wenn es nur eine verschwindend geringe Anzahl Behinderte gibt?

Welche Situation ziehen die Betroffenen vor: Wenn von 100’000 Menschen, die in einem Jahr geboren werden 1’000 oder 10 behindert sind?

Was ist das schlechte an der Eugenik: Dass es dabei zu Abtreibungen kommt? Dass der Staat den Menschen vorschreibt, ob und wie sie sich fortpflanzen dürfen? Dass nicht alleine der Zufall bestimmt, welche Menschen gezeugt und geboren werden? Dass versucht wird, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrössern?

Was ist schlimmer: Wenn der Staat den Menschen vorschreibt, wer sich fortpflanzen darf, wie sie sich fortzupflanzen haben und welche medizinischen Technologien sie zur Hilfe nehmen dürfen? Oder wenn er ihnen die völlige Freiheit lässt, wer sich wann mit wem fortpflanzt und ob sie sich dabei der Fortpflanzungsmedizin bedienen?

Was ist tragischer: Der Tod eines Elefanten oder der Tod eines Fötus?

Ist Selektion immer schlecht oder nur dann, wenn mit den falschen Mitteln gegen die falschen Merkmale selektiert wird? Also beispielsweise nur dann, wenn mittels Präimplantationsdiagnostik gegen genetisch bedingte Krankheiten und Behinderungen selektiert wird, oder auch, wenn mittels Partnerwahl oder Samenspenderkatalog gegen Psychopathie und Soziopathie selektiert wird?

Ein Weltstaat für Andreas Gross

Andreas Gross sagt, als habe er freien Blick aufs Mittelmeer: «Es reicht nicht, die EU demokratischer zu gestalten; wir brauchen globale Standards.»

Will heissen: Das Recht auf Bildung, Nahrung und Obdach müsste universell gewährleistet werden. Jegliches Machtgefüge sei zu verpflichten, diese Grundrechte zu achten. Als konkrete Utopien hat Andreas Gross weltregionale Parlamente vor Augen und ein globales Gericht als letzte Instanz. Damit einher geht die lapidar und gleichermassen visionär anmutende Forderung, dass kein Mensch rechtlos sein dürfe.1

‘Globale Standards’ und ‘universelle Gewährleistung’ sind derzeit gleichbedeutende Begriffe. Doch nach einer hoffentlich nicht allzu fernen Besiedlung von Mond und Mars wird es von grosser Bedeutung sein, ob das Gericht nur für globale Rechtsverletzungen zuständig sein wird oder für universelle.


  1. René Zeller – Der Demokratieverfeinerer []

Vor der Zeugung eines Kindes

Vor der Zeugung eines Kindes sind Sie verpflichtet, Ihre Sachkunde in Kindererziehung und im Umgang mit Kindern nachzuweisen. Beschäftigen Sie sich also zuerst ausgiebig mit dem Wesen von Kindern, ihren Eigenheiten, ihren Bedürfnissen.

Fragen Sie sich, ob Sie bereit und fähig sind, Ihrem Kind eine konsequente Erziehung zu geben. Das müssen Sie, denn sonst fehlen klare Regeln und das Kind kann in unserer dicht besiedelten Umwelt zum Problem werden.

Und sind Sie bereit, sich in den nächsten 15 bis 20 Jahren um Ihr Kind zu kümmern? Dazu gehören ausgiebige tägliche Spaziergänge und ausgiebiges Spiel mit dem Kind. Dazu gehört aber auch das Beobachten Ihres Kindes, die Korrektur von problematischen Verhaltensweisen und die Pflege, wenn das Kind krank wird.

Denken Sie auch an die Kosten, die ein Kind verursacht: Die Geburtskosten sind dabei noch das Wenigste: Kinder brauchen täglich ihre Mahlzeiten, sie brauchen Zubehör, sie brauchen von Zeit zu Zeit die Ärztin oder den Arzt – zum Beispiel für Antibiotika und Impfungen.

Auf keinen Fall soll ein Kind ein Geschenk sein, das aus einer Laune heraus gemacht wird – zum Beispiel einem Sexualpartner oder einer Sexualpartnerin. Lebensabschnittsgefährten und Lebensabschnittsgefährtinnen haben sich rasch von Ihnen getrennt, doch das Kind will weiter betreut werden. Leben Sie auch in so stabilen Verhältnissen, dass Sie ein Kind voraussichtlich noch in 15 Jahren versorgen können? Was ist, wenn Sie umziehen? Was ist, wenn Sie eine andere Stellung annehmen, die Ihnen weniger Zeit lässt?

Zeugen Sie ein Kind mit einem Sexualpartner oder einer Sexualpartnerin, zu dem oder zu der Sie Vertrauen haben oder adoptieren Sie ein Kind aus einem Kinderheim. Besuchen Sie das Kind, das Sie adoptieren möchten, vorgängig mehrmals und machen Sie sich mit ihm vertraut. Schliesslich möchten Sie das Kind, mit dem Sie nachher viele Jahre verbringen, genau kennen. Die Kinderschutzverordnung schreibt vor: Eltern müssen vor der Zeugung eines Kindes einen Sachkundenachweis über ihre Kenntnisse betreffend das Zusammenleben mit Kindern und den Umgang mit ihnen erbringen. Davon ausgenommen sind Personen, die nachweislich schon ein Kind aufgezogen haben. Innerhalb von fünf Jahren nach Zeugung eines Kindes ist der Sachkundenachweis zu erbringen, dass das Kind in Alltagssituationen kontrolliert betreut werden kann.


Kurioserweise ist die Originalversion des obigen Textes jedoch an künftige Hundehalter und Hundehalterinnen gerichtet und nicht an künftige Eltern.

half full? half empty?

my daughter jane is an optimist. i tend toward the other extreme. she often frames the matter in terms of the classic chestnut of whether the glass is half empty or half full, which famously seems to be an insoluble dilemma. however, she has solved it. if you’ve just poured the juice into a glass up to half, then the glass is half full. if you’ve poured it full and just drained it off by half, then the glass is half empty. voila!

notes: according to wittgenstein, meaning is use, and this is precisely why and when we would actually describe a glass containing liquid at the halfway point as half full or half empty. second, this is an example of a wider idea: that the facts depend on an unfolding context, that truth is historical or that often isolating a truth from an unfolding temporal context is not possible or loses what is most important. what is true is a matter of an unfolding situation which itself emerges in a wider context.1


  1. Crispin Sartwell – February 05, 2011 []

Zur Eidgenössischen Volksinitiative ‘Schluss mit der MwSt-Diskriminierung des Gastgewerbes!’

Die Bundesverfassung wird wie folgt geändert:

Art. 130 Abs. 1bis (neu)

1bis Gastgewerbliche Leistungen unterliegen dem gleichen Steuersatz wie die Lieferung von Nahrungsmitteln. Dies gilt nicht für alkoholische Getränke, Tabak und andere Raucherwaren, die im Rahmen von gastgewerblichen Leistungen abgegeben werden.

Ich würde es den Restaurantbetreibern und den Restaurantbesuchern durchaus gönnen, wenn sie weniger Steuern zahlen müssten, aber für mich stellt die Privilegierung des Gastgewerbes gegenüber anderen Warenanbietern und Dienstleistern nicht das richtige Mittel dafür dar. Die Ungleichbehandlung von Imbissständen und Restaurants ist zwar störend, aber eine allgemeine Vereinheitlichung der Mehrwertsteuer wäre zielführender. Denn sie würde die indirekte Subventionierung bestimmter Branchen durch reduzierte Mehrwertsteuersätze aufheben und damit der Politik eine Möglichkeit nehmen, die Ausgaben und das Verhalten der Bürger zu beeinflussen. Niedrigere Steuern für Lebensmittel und Medikamente klingen zwar sozial und solidarisch, aber eine Steuerreduktion für Druckerzeugnisse macht seit dem Aufkommen digitaler Medien immer weniger Sinn. Merkwürdig ist auch, dass einerseits Kleider nicht steuerreduziert sind, obwohl diese auch zu den lebensnotwendigen Gütern gehören und andererseits sich die meisten Menschen Nahrungsmittel mühelos leisten können und teilweise sogar zu viel davon konsumieren, aber trotzdem von den niedrigeren Mehrwertsteuern profitieren. Insofern fällt der Grossteil des Nutzens der reduzierten Steuersätze Drittpersonen zu und nicht den ärmeren Menschen.

Kurzum habe ich zwar Sympathien für die Initiative, aber nicht genügend, um mich an der Urne dazu zu äussern.

The Stupidity of Dignity

The general feeling is that, even if a new technology would improve life and health and decrease suffering and waste, it might have to be rejected, or even outlawed, if it affronted human dignity.

Whatever that is. The problem is that “dignity” is a squishy, subjective notion, hardly up to the heavyweight moral demands assigned to it.
[...]
The reason, I think, is that dignity has three features that undermine any possibility of using it as a foundation for bioethics.

First, dignity is relative. One doesn’t have to be a scientific or moral relativist to notice that ascriptions of dignity vary radically with the time, place, and beholder. In olden days, a glimpse of stocking was looked on as something shocking. We chuckle at the photographs of Victorians in starched collars and wool suits hiking in the woods on a sweltering day, or at the Brahmins and patriarchs of countless societies who consider it beneath their dignity to pick up a dish or play with a child.
[...]
Second, dignity is fungible. The Council and Vatican treat dignity as a sacred value, never to be compromised. In fact, every one of us voluntarily and repeatedly relinquishes dignity for other goods in life. [...] Most pointedly, modern medicine is a gantlet of indignities. Most readers of this article have undergone a pelvic or rectal examination, and many have had the pleasure of a colonoscopy as well. We repeatedly vote with our feet (and other body parts) that dignity is a trivial value, well worth trading off for life, health, and safety.

Third, dignity can be harmful. [...] Political and religious repressions are often rationalized as a defense of the dignity of a state, leader, or creed: Just think of the Salman Rushdie fatwa, the Danish cartoon riots, or the British schoolteacher in Sudan who faced flogging and a lynch mob because her class named a teddy bear Mohammed. Indeed, totalitarianism is often the imposition of a leader’s conception of dignity on a population, such as the identical uniforms in Maoist China or the burqas of the Taliban.
[...]
Exactly what aspects of dignity should we respect? For one thing, people generally want to be seen as dignified. Dignity is thus one of the interests of a person, alongside bodily integrity and personal property, that other people are obligated to respect. [...] No one could object to valuing dignity in this sense, and that’s the point. When the concept of dignity is precisely specified, it becomes a mundane matter of thoughtfulness pushing against callousness and bureaucratic inertia, not a contentious moral conundrum. And, because it amounts to treating people in the way that they wish to be treated, ultimately it’s just another application of the principle of autonomy.1


  1. Steven Pinker – The Stupidity of Dignity []

Der Markt und die Medien: Ein weitschweifiger Kommentar zu SRG und #NoBillag

Nein zu von Eliten regulierten Medien

Oder ist das Problem gerade, dass weder private noch staatliche Medien von Eliten reguliert werden, sondern lediglich von Leuten, die sich dafür halten, von Bürokraten und von Oligarchen? Anders ausgedrückt: Der schlechte Zustand der grossen Medien könnte darauf zurückzuführen sein, dass sie von den falschen Eliten reguliert werden.

Darüber hinaus ist es sträflich reduktionistisch, das Medienangebot von öffentlich-rechtliche organisierten oder service-public-Sendern nur unter der Prämisse von Angebot und Nachfrage zu diskutieren. Wirtschafter würden uns erklären, dass dieses Modell längst obsolet ist angesichts gigantischer Ungleichgewichte, die uns dysfunktionale Märkte bescheren.

Manche Wirtschafter würden das vielleicht, andere hingegen nicht. Denn wenn ein Modell Schwächen hat, heisst dies noch nicht, dass es deshalb nutzlos ist. Natürlich wäre es reduktionistisch, sich nur mit Nachfrage-Angebot-Dynamiken zu beschäftigen, aber es wäre auch reduktionistisch, diese zu ignorieren. Denn auch in ungleichgewichtigen und dysfunktionalen Märkten gibt es Angebote und Nachfragen, die aufeinander treffen und sich beeinflussen. Dies geschieht gewiss nicht immer harmonisch und kann von anderen Faktoren übersteuert werden, aber Angebot und Nachfrage haben doch einen gewissen Einfluss auf das Verhalten der Marktteilnehmer.

Mit Sozialwissenschaftlern müssten wir uns fragen, zu welchen enormen gesellschaftlichen Entgleisungen die Optimierungsversuche bei Angebot und Nachfrage führten.

Sozialwissenschaftler fragen sich hoffentlich auch, zu welchen enormen gesellschaftlichen Entgleisungen die Verhinderung der Optimierungsversuche bei Angebot und Nachfrage führten. Oder ist es eher die Aufgabe von Philosophen, Vorteile und Nachteile verschiedener Systeme zu vergleichen, gegeneinander abzuwägen und zu werten?

Und mit Umweltwissenschaftlerinnen können wir die Folgen eskalierender Rohstoffausbeutung, von Überproduktion und Entsorgungskatastrophen beklagen.

Ich hoffe doch, dass Umweltwissenschaftler zu differenzierteren Analysen fähig sind und nicht bloss im Schatten einiger weniger Dogmen wehklagen. Denn da westliche Länder Konglomerate verschiedenster Systeme sind, lassen sich die Problemursachen nicht so einfach spezifischen Systemkomponenten zuteilen, wie es der zitierte Paragraph insinuiert.

Eine weiterer entscheidender Denkfehler: Programmvielfalt verdanken wir nicht dem freien Markt sondern der technologischen Entwicklung. Erst die Distribution der Programme via Kabel oder Satellit anstelle der rein terrestrischen Verbreitung ermöglichte die Angebotsvielfalt, oder besser: Programm-Flut.

Die Technologie war sicherlich wichtig für die Programmvielfalt, doch ohne eine gewisse Marktfreiheit (die man auch Programmautonomie nennen könnt, da sie sowohl in einem kapitalistischen wie auch in einem kommunistischen Framework existieren kann, wenngleich in unterschiedlicher Intensität und mit unterschiedlichen Eigenschaften) hätte sich die Vielfalt viel weniger vergrössern können. Denn für die Vermehrung der Vielfalt müssen nicht nur die technologischen Möglichkeiten bestehen, hunderte Programme parallel auszustrahlen, sondern die Programmproduzenten müssen auch die Freiheit haben, Programme von beliebiger Form und mit beliebigem Inhalt zu kreieren. Ohne diese Freiheit muss man sich auf den Schwarzmarkt begehen, um beispielsweise regierungskritische Programme herzustellen oder zu konsumieren, was die Programmmacher davon abschreckt, solche zu produzieren.

Eine Randbemerkung: Wie positiv konnotiert der Begriff Vielfalt für manche Menschen ist, zeigt sich hier daran, dass versucht wird, ihn durch den katastrophal konnotierten Begriff Flut zu ersetzen.

Das Angebot wurde insgesamt zwar vielfältiger, dies aber nur wegen der vielen Nischenprodukte. Innerhalb der Vollprogramme hat der Konkurrenzkampf die Vielfalt reduziert. Wer durch die Kanäle zappt, wird erstaunt feststellen: Unmengen des Immergleichen. Der Markt fördert den Mainstream, denn der lässt sich am besten vermarkten. Der freie Markt fördert also nicht Meinungsvielfalt, er reduziert sie.

Dieses Marktverständnis ist ein ganz anderes als jenes mancher (oder vielleicht vieler) Marktfreunde. Für mich sind die Nischenprodukte ein wesentlicher Teil des Marktes. Denn der Markt besteht aus der Gesamtheit aller Angebote (und aller Nachfragen), wozu eben auch Nischen gehören. Wenn Marktgegner den Markt auf die Massenprodukte und den Mainstream reduzieren, dann sprechen sie von einem ziemlich anderen Gebilde als wenn ebenjene Marktfreunde vom Markt reden. Das gegenseitige Verständnis kann somit an unterschiedlichen Begriffsdefinitionen scheitern.

Sendungen [wie die Rundschau, die DOK-Produktionen oder Casting-Adaptionen] haben – über den Entspannungseffekt hinaus – eben auch einen sozialen Nutzen. Und der reicht weit über die ursprüngliche Befriedigung der Nachfrage hinaus. Während wir Konsumgüter üblicherweise für uns allein oder im kleinen Kreis verbrauchen, verarbeiten wir Mediengüter und teilen respektive tauschen die Wissens-Produkte daraus immer während weiter. Damit schaffen wir unschätzbaren Mehrwert. Private elektronische Medien versagen hier leider fast völlig.

Ich persönlich destilliere aus privaten (hauptsächlich elektronischen) Medien sehr viel mehr Wissen als aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder den grossen Tageszeitungen. Der unschätzbare Mehrwert, den ich dadurch schaffe, entstammt somit einem Sektor, der weder das institutionelle Gewicht des öffentlich-rechtlichen Rundfunk besitzt noch sich aus Steuergeldern speisen kann. Ich kann deshalb nur zum Schluss kommen, dass für ein etwaiges Versagen in diesem Bereich (dessen Existenz ich anzweifle) eher die Konsumenten privater elektronischer Medien verantwortlich sind als die Medien selber.

Es besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen einem Programmveranstalter, der sein Publikum als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger anspricht – also als politisch denkende Menschen – oder aber in erster Linie dem Kunden gegenüber verpflichtet ist – eben dem Werbetreibenden (NICHT dem Publikum) – und daher nur das produziert, was den Absatz der Ware – nämlich die Aufmerksamkeit des Publikums (die es mutmasslich der verkauften Werbezeit widmet) – möglichst sicher stellt.

Eine solche Dichotomie kann errichtet werden, aber aus meiner Sicht lässt sie sich nicht auf die Art und Weise auf die Medien abbilden, die hier impliziert wird. Denn erstens besteht das Medienspektrum nicht nur aus den zwei Polen des hehren Staatsbürgerfunks und des werbebegleitenden Massenfunks. Zweitens kann man die Aufmerksamkeit des Publikums auch mit Inhalten sicherstellen, die das Publikum als Staatsbürger ansprechen. Werbetreibende können solche Angebote sogar bevorzugen. Drittens ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk nur sehr indirekt den Staatsbürger verpflichtet, sondern vorrangig all jenen Stellen, die ihm seine (institutionelle und finanzielle) Macht garantieren und deren Geschmack er treffen muss, um die Privilegien behalten zu können. Viertens kann das Ansprechen des Publikums als politisch denkende Menschen daraus hinauslaufen, dass man deren politische Meinung formt, sie zu guten Staatsbürgern erzieht und Konsens fabriziert wird.

Der Eine hat einen Auftrag mit dem Ziel, “in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen” die Menschen darüber auf dem Laufenden zu halten, welche Themen wichtig sind und worüber man nachdenken sollte. Der Andere wird sich ausschliesslich auf die Publikumsbindung konzentrieren und ein Angebot entwickeln, das Nachfrage erzeugt.

Der erstere Auftrag wird je nach Weltanschauung der Ausführenden zu höchst unterschiedlichen Produkten führen. Nicht nur, weil er bewusst als Indoktrinationsvehikel benutzt werden kann, sondern nur schon deshalb, weil intellektuelle (oder ideologische) Neutralität, Unvoreingenommenheit und Unparteilichkeit unrealisierbar sind. Man mag dies als Vorteil sehen oder das Risiko gerne in Kauf nehmen, aber man sollte sich bewusst sein, dass die Möglichkeit besteht, dass dereinst Leute diesen Auftrag umsetzen werden, die andere Ideale haben als man selbst.

“Ein nicht regulierter Markt wird der Allgemeinheit aufgrund des Problems des kollektiven Handelns stets zu wenig Güter und zu viele Lasten einbringen.” Lasten, wie beispielsweise aufgrund von Gewaltdarstellungen verängstigte, von Skandalisierungen emotional verwahrloste oder apathische Zuschauerinnen und Zuschauer.

Anderswo reichen theoretische Argumente, hier jedoch wären empirische Belege nötig. Wie sich Gewaltdarstellungen auf die Zuschauer auswirken, ist ein heiss debattiertes Thema, gerade wenn es um Marktregulierungen wie Verbote bestimmter Videospiele geht, doch ohne gute Datenlage würde ich davon absehen, daraus konkrete Argumente für oder gegen die SRG zu konstruieren.

Weniger offensichtlich, dafür noch gravierender für die Übereinkünfte innerhalb sozialer Gemeinschaften, ist der schleichende Rückzug in die Grenzen soziokultureller Diasporas, beispielsweise in social-media Gruppen. Leitmedien versagen, wenn sie nicht mehr Themen setzen können, welche die verschiedenen Diskurs-Sphären durchbrechen, so dass zwischen ihnen vermittelt und verhandelt wird. So versiegen über kurz oder lang die Interaktionen zwischen (politischen, religiösen, regionalen etc.) kollektiven Identitäten. Dieser Trend zeichnet sich schon jetzt klar ab. Er spiegelt sich auch in immer weiter auseinander drängenden politischen Polen und zunehmender Diskordanz. Verstärkt wird der Trend offenbar vom Internet, das diskursive Öffentlichkeiten eher isoliert als vereint…

Wie ich bereits dazu geschrieben habe:

Der Glückwunsch ist dabei durchaus ernst gemeint. Allerdings bin ich ziemlich pessimistisch, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk oder die grossen Medien im Allgemeinen dieser Aufgabe gerecht werden können. Zudem würde ich eher die Internet-Nutzer als Akteur betrachten als das Internet selber. Das Internet bietet viele Möglichkeiten, aber es zwingt die Menschen nicht zur Isolation oder zur Abspaltung. Wenn der inter-group-Diskurs mit dem Wachsen des Internets abnimmt, dann deswegen, weil die Menschen gerne von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Manche Menschen tun jedoch das Gegenteil davon und intensivieren den Diskurs mit andersartigen Personen, die sie in ihrem beruflichen oder familiären Umfeld vielleicht nie angetroffen hätten. Interessieren würde mich, ob dies auch diejenigen tun, die das Internet als diskursisolierend kritisieren und wenn ja, wie weit sie damit gehen.

Generell zweifle ich aber, dass medial zusammengeschmiedet werden kann, was sich im Zug der Modernisierung und Individualisierung voneinander gelöst hat. Wenn jeder seine eigene Religion zelebrieren, seine eigene Familienform gründen, seine eigenen Hobbies erfinden und seine eigene Sprache sprechen soll und Kirche, König und Nation wegfallen, ist es schwierig, die soziale Freiheiten konsumierenden Menschen zu einer Gemeinschaft zu vereinen. Doch da dies in einer zentralistischen Sozialdemokratie als unabdingbar angesehen wird, kommt unausweichlich die Konsensmanufaktur zum Zug. Die politische Einigkeit ersetzt die religiöse Einigkeit, doch Abstimmungen und Wahlen sind ein schlechter Ersatz für den gemeinsamen Kirchgang und neigen dazu, immer neue Konflikte zu generieren und die Dornen der Politisierung aller Lebensaspekte zwischen Familie, Freunde und Bekannte zu treiben.

Doch vielleicht kann eine zukünftige Gesellschaft auch als Diaspora-Konglomerat gedeihen. Gewisse Systemanpassungen wären selbstverständlich notwendig, aber dies kann man auch als Chance sehen.

Ich empfehle daher dringend, unseren Medienmarkt nicht einer regulierenden Elite zu überlassen, sondern weiterhin demokratischer Kontrolle zu unterwerfen.

Dann sollte aus der SRG SSR also eine Genossenschaft gemacht werden, bei der jeder Bürger ein direktes Stimmrecht hat?