Philippe Wampfler zum Entscheid des Nationalrats, die Tankstellenshops in ihren Öffnungszeiten und ihrem Sortiment nicht mehr einzuschränken und zur Frage, ob dies eine Liberalisierung ist:
Je weniger der Staat reguliert, desto liberaler ist er. Diese Definition scheint direkt auf diesen Entscheid anwendbar. Wenn man sich allerdings fragt, warum ein Shop eine angegliederte Tankstelle haben muss, um offen haben zu dürfen, so scheint eine Regulierung vorgenommen zu werden, die willkürlicher und unklarer ist als die vorherige. Entweder also Ladenöffnungszeiten nicht mehr beschränken – oder eine Regulierung erlassen, die alle Geschäfte gleich betrifft. Beides wäre meiner Meinung nach liberaler als die gewählte Lösung.
Nein. Willkürlosigkeit, Unklarheit und Freiheit verhalten sich orthogonal zueinander. In diesem Fall ist es zwar so, dass verschiedene Unternehmen, verschiedene Shops ungleich behandelt werden und dass dadurch manche einen Wettbewerbsnachteil erfahren, aber die Freiheit ist tatsächlich grösser geworden. Denn dadurch, dass bestimmte Unternehmen nun frei und selbstständig bestimmen können, wann sie welche Waren anbieten wollen, sind weniger Freiheitsbeschränkungen vorhanden als vorher, als das Sortiment und die Öffnungszeiten der Tankstellenshops stärker staatlich diktiert wurde.
Eine kleine Analogie dazu: Stellen wir uns einen Staat vor, der alle seine Bürger in ihrem zweiunddreissigsten Lebensjahr für siebeneinhalb Monate in Monasterien sperrt, wo sie Figurinen schnitzen, Tonschalen modellieren oder Schwerter schmieden müssen. Welche der drei Tätigkeiten sie ausüben, bleibt ihnen überlassen. Auch wenn dies manchen vielleicht gut tun würde und manche dadurch ein neues Hobby erlernen oder entdecken würden, ist dies eine klare Einschränkung der Freiheit.
Aus unerwähnten Gründen entscheidet der Rat der zweihundert Weisen nun, den kurzsichtigen Menschen und den Frauen, die speziell gut aussehen, eine zusätzliche Option zu geben: Das handschriftliche Kopieren von alten Büchern. Für Waisen und Grünäugige wird die allgemeine Dienstpflicht sogar aufgehoben.
Dieser Entscheid ist willkürlich, unklar, sexistisch und diskriminierend. Trotzdem gewinnen etliche Menschen dadurch an Freiheit. In diesem Sinne ist es also eindeutig liberaler, von einem Zustand, bei dem alle Leute in ihrer Freiheit eingeschränkt sind, zu einem Zustand zu gehen, in dem nur noch manche Leute freiheitseinschränkenden Regulierungen unterstehen, als im alten Zustand zu verharren.
Wird niemand gezwungen zur Nacht- oder Wochenendarbeit? Nicht vom Staat – sehr wohl aber von Arbeitgebenden. Es ist keinesfalls so, dass diese Schichten immer von Freiwilligen erledigt würden. Wer eine Familie hat, ist nicht nur auf Arbeit, sondern auf Arbeit zu familienfreundlichen Zeiten angewiesen. Zwingt das Kollektiv (also die Menschen, die einkaufen wollen und politisch bestimmen), Menschen zu Zeiten zu arbeiten, an denen sie nicht arbeiten wollen, handelt es sich meiner Meinung nach nicht um eine liberale Lösung.
Staatlicher Zwang, wirtschaftlicher Zwang und gesellschaftlicher Zwang sind sehr unterschiedliche Tiere. Alle drei beschränken das Individuum in seiner Freiheit, völlig willkürlich nach eigenem Gusto zu entscheiden, wann es arbeiten will. Aber sie reagieren auf Regelverstösse sehr unterschiedlich: Der Staat mit schlichter Gewalt: Eigentumsentzug und Freiheitsentzug. Die Wirtschaft mit schlechteren Arbeitsbedingungen (Lohnkürzungen, Stellenwechsel, weniger zufriedenstellende Jobs). Die Gesellschaft mit Ausgrenzung (Mobbing, Boykott, Verbannung, Ächtung). Alle drei Formen des Zwangs sind in bestimmten Situationen angebracht und in anderen Situationen unmoralisch. Die Kunst ist nun, herauszufinden, wann welcher Zwang benutzt werden soll und welche Situationen dreifach zwangsfrei sein sollten.
Angenommen, die drei Zwänge seien recht separate Sphären und man könne sie gegenseitig substituieren: Soll, was die Ladensöffnungszeiten angeht, ökonomischer Zwang durch Erhöhung des staatlichen Zwangs reduziert werden?
Sollen also Leute mit Geldbussen und Freiheitsentzug bestraft werden, die zur falschen Zeit arbeiten, resp. ihre Angestellten arbeiten lassen, resp. ihren Laden geöffnet haben, damit jene Leute, die zu diesen falschen Zeiten lieber nicht arbeiten möchten, keine ökonomischen Nachteile in Kauf nehmen müssen, wenn sie sich weigern, zu diesen Zeiten zu arbeiten?
Zu beachten ist, dass, ob nun die Unternehmen oder die Staaten über die Ladensöffnungszeiten entscheiden, es immer Leute geben wird, die nicht zu jenen Zeiten arbeiten können, an denen sie am liebsten arbeiten möchten. In einem Fall hindert der Staat sie daran, indem er ihnen Gewalt androht. Im andern Fall die Wirtschaft, indem sie zu jenen Zeiten nur Stellen mit (teils massiv) schlechteren Arbeitsbedingungen anbietet.
Beantworten kann man die Frage z.B. indem man die Qualität (d.h. die Moral) der Zwänge miteinander vergleicht; oder indem man vergleicht, wie viele Personen jeweils von schlechteren Arbeitsbedingungen betroffen wären; oder indem man sich überlegt, ob die Ladensöffnungszeiten zentral durch den Staat oder dezentral durch die Handlungen der Konsumenten und Unternehmer bestimmt werden sollen; oder auf dutzende andere Arten.
Die Kommentatorin Britta meinte:
[Es ist] auch eine Form von Schutz für die Konsumenten, wenn Geschäfte nicht immer offen sind. Man hat dadurch die Chance, einkaufsfreie oder gar konsumfreie Tage oder Abende einzulegen. Wenn keine Geschäfte offen sind, muss man sich auch nicht stressen und überlegen, was man denn noch alles unbedingt braucht, um bis zum nächsten Tag überleben zu können. Geschäfte zu, no shopping. Das ist wohltuend. Und soll so bleiben.
Nun gut, manche Leute wollen bevormundet werden. Das ist akzeptabel, wenn auch etwas schwer zu begreifen. Aber es muss nicht der Staat sein, der diese Bevormundung durchführt. Wer will, dass ihm vorgeschrieben wird, wann er was wie wo tun darf, der kann sich mit Gesinnungsgenossen zusammentun und irgendeinen Verein gründen, der die Mitglieder mit Knechtverträgen zu gewissen Verhaltensweisen zwingt. Das wäre eine wunderbar liberale Lösung des Bevormundungsbedürfnisses, da die Bevormundung niemandem aufgezwungen wird und die Vereinsmitglieder selber die Kosten für die Durchsetzung der Verhaltensvorschriften tragen. Unmoralisch wäre es hingegen, die Staatsgewalt dazu zu benutzen, Mitmenschen, die selber entscheiden wollen, wann sie shoppen und konsumieren wollen, erstens ebenfalls diesen Normen unterzuwerfen und zweitens diesen die Kosten für diesen Bevormundungsfetisch aufzuzwingen.
Nebenbei noch eine Anmerkung zur spezifischen Wortwahl: Einkaufsfreie Tage gibt es im strengen Sinne nirgends. An einem Sonntag kann man diverse Leistungen erstehen: Man kann in ein Restaurant gehen, man kann Bahnfahren, man kann sich in einem Spital pflegen lassen, man kann eine Messe besuchen etc. etc. Zudem gibt es diverse elektronische Systeme, die das Einkaufen ermöglichen, ohne dass zum Zeitpunkt des Einkaufs irgendjemand arbeiten muss. Onlineshops beispielsweise haben 24/7 offen, aber auch an Automaten (ob diese nun Getränke, Zigaretten, Bücher oder Pizzas anbieten) kann man rund um die Uhr einkaufen. Konsumfreie Tage sind sogar ein Ding der Unmöglichkeit. Wer nicht tot ist oder tödliche Experimente macht, der konsumiert täglich viele verschiedene Substanzen: Flüssigkeiten (Wasser, Wein…), Gase (Sauerstoff, Stickstoff…), Nahrungsmittel (Äpfel, Müsli…). Nahezu alle Menschen konsumieren zusätzlich dazu diverse andere Güter: Bücher, TV-Shows, Filme, Gespräche, Sex, Düfte, Duschen, Bäder, Spaziergänge etc. etc.
Was die Ladensöffnungszeiten und die Sonntagsarbeit angeht, würde ich mir von Christlichkonservativen und Progressivisten eine konsequentere Haltung wünschen. Wer es schlimm findet, wenn das Verkaufspersonal in der Nacht oder am Wochenende arbeitet, sollte vielleicht nicht um 11 Uhr abends oder am Sonntag von der Arbeit des Servierpersonals profitieren. Und wer findet, dass Shopping die Sonntagsruhe stört, sollte vielleicht nicht den Sonntagmittag in einem lärmigen Restaurant und den Sonntagnachmittag an einem Sportevent verbringen.