In einer gestern verabschiedeten Motion fordert [die Staatspolitische Kommission des Nationalrats] den Bundesrat auf, ohne Zuwarten neue Modelle der Presseförderung abzuklären und den Räten Vorschläge zu unterbreiten.
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Für FDP-Nationalrat Kurt Fluri geht es primär darum, die Meinungsvielfalt zu stärken. “Zwanzig Zeitungen nützen nichts, wenn alle das Gleiche schreiben.” Wichtig sei, dass sich eine Zeitung eine eigene Redaktion leisten könnte und nicht bloss Inhalte beziehe.1
Damit kommt man dem Ziel der Meinungsvielfalt kaum einen Schritt näher. Zwar schadet eine eigene Redaktion dabei nicht, aber die Faktoren, die über Meinungsvielfalt oder Meinungseinfalt entscheiden, sind andere. Allen voran natürlich die Meinungen der Journalisten, aber da das Angebot nicht einfach die Nachfrage ignorieren kann, spielen auch die Meinungen der Zeitungsleser eine Rolle.
Da staatliche Gelder zudem nicht wahllos verteilt werden, sondern von gewissen Kriterien abhängig gemacht werden, die oft auch ideologischer Natur sind, könnte eine staatliche Presseförderung bewirken, dass die Meinungsvielfalt noch weiter abnimmt.
Um die Meinungsvielfalt zu fördern, sollte man also das Gegenteil tun: Alle Pressesubventionen abschaffen, die SRG SSR auflösen, die Rundfunkgebühren abschaffen, die Billag eliminieren, das elektromagnetische Spektrum privatisieren, resp. alle Fernseh- und Radiokonzessionen wahllos Privaten übergeben und eine first-come-first-serve-Regelung einführen, so dass derjenige, der zuerst eine bestimmte Radiofrequenz in einer bestimmten Region besetzt, diese nach Belieben benutzen kann und gewissermassen ein Eigentumsrecht daran ersteht. Das Problem der Allmende würde somit behoben und Frequenzenpiraterie könnte privatrechtlich verfolgt werden.
Damit wäre die direkte staatliche Kontrolle der Medien abgeschafft, bleibt noch der indirekte Einfluss und der zweite Teil des journalistisch-akademischen Komplexes: Das Bildungswesen.
Es ist ziemlich klar, dass die Schulen die Meinungen und Überzeugungen der Kinder beeinflussen. Schliesslich werden nicht nur kalt und neutral harte Naturwissenschaften gelernt, sondern auch Politik, Wirtschaft, Religion, Literatur (allesamt Fächer, bei denen eine ideologische Neutralität sehr schwer zu erreichen, wenn nicht gar ganz unmöglich ist), die Lehrer dürfen ihre persönlichen Ansichten äussern und eine gewisse Verflechtung von NPOs2 und Schulen ist auch nicht zu leugnen. Aufgrund der Zentralisierung und Vereinheitlichung des Bildungsystems ist also in allen Bildungseinrichtungen mit einer ideologischen Homogenisierung zu rechnen. Hiervon sind nahezu alle Kinder betroffen. Da Journalisten jedoch häufig eine universitäre Ausbildung hinter sich haben, werden diese besonders stark beeinflusst.
Somit prägt das Bildungssystem sowohl die Nachfrage wie auch das Angebot, die Zeitungsleser wie auch die Zeitungsmacher.
Diesem schädlichen Einfluss auf die Meinungsvielfalt könnte man begegnen, indem man den Schulen möglichst grosse Autonomie gewährt und sie den Lehrplan selber zusammen stellen lässt. Dies bedeutet natürlich, dass die staatliche Finanzierung3 nicht von ideologischen Kriterien abhängig gemacht werden darf und dass erzkatholische Internate, Burschenschaftlerschulen, marxistische Lernzentren, ultramontanistische Schulen, royalistische Aubsildungsstätten (etc. etc.) gleichberechtigt sind.
Ich glaube aber, dass nicht einmal die SP, die stets vollen Lobes für Diversität ist, dies möchte. Auch Kurt Fluri möchte wohl keine Hardcore-Meinungsvielfalt bei der Presse, so dass er an jedem Kiosk kommunistische, faschistische, anarchistische, islamistische, merkantilistische, monarchistische (etc. etc.) Blätter kaufen könnte.
Diese ‘wahre’ Meinungsvielfalt, die nicht nur auf den sozialdemokratischen Teil des Meinungsspektrums beschränkt ist und nicht von einem ideologischen Grundkonsens abhängt, ist also ziemlich unbeliebt. Ideologische Diversität ebenfalls.
Wieso sprechen die Politiker dann andauernd von Meinungsviefalt und der Unabhängigkeit der Presse?
Weil es ironischerweise Teil der vorherrschenden und staatlich geförderten Ideologie, also des Progressivismus ist. Der Progressivimus kann Indoktrination nämlich nicht leiden und will unbedingt, dass jeder Bürger sich seine eigene, unabhängige, gut durchdachte Meinung bildet. Um dieses hehre Ziel zu erreichen und zu verhindern, dass irrationale und eigennützig motivierte Eltern und Kirchen die Informationszufuhr der Kinder monopolisieren und kontrollieren können, wurden öffentliche Schulen eingerichtet, an denen der Nachwuchs sauberes, gutes, qualitativ hochwertiges Wissen aufnehmen kann, dass nicht durch Ideologie oder Propaganda verschmutzt wurde.
Wir sehen also, dass der Progressivismus viel journalismus- und schulfreundlicher ist als die konkurrierenden Meme und gerade deshalb so durchschlagenden Erfolg hatte und immer noch hat.
Das Konzept litt jedoch von Anfang an an einem fatalen Fehler: Der Progressivismus ist selber eine Ideologie, der Humanismus kein Produkt der reinen Vernunft und der makellosen Wissenschaft. Das System war also seit jeher nicht neutral und objektiv und vom strahlenden Geist der Wissenschaften durchdrungen, sondern stark biased.
Doch da der Anspruch auf Objektivität und Wissenschaftlichkeit elementarer Bestandteil des Progressivismus ist, konnte sich der Humanismus stets in den Mantel der einzig vernünftigen Weltanschauung hüllen.
So sind wir heute in der paradoxen Lage, dass wir ein Indoktrinationssystem haben, das von sich überzeugt ist, die Leute zu ent-indoktrinisieren und den Kindern jene wahre Bildung zu vermitteln, auf die sie ein Menschenrecht haben.
Ich wäre froh, wenn wir uns von dieser Illusion lösen könnten und stattdessen darüber sprechen würden, ob eine gewisse Meinungshomogenität nicht nützlich ist; ob es notwendig ist, dass in einer Demokratie die Kinder in den staatlichen Schulen davon überzeugt werden, dass die Sozialdemokratie das Wahre und Gute ist; ob Indoktrination utilitaristisch gut, aber moralisch schlecht ist; wie Multikulturalismus, Diversität, Meinungsvielfalt und der Lehrplan 21 zusammen gehen; und ob sich der staatliche Schulunterricht nicht auf relativ ideologiefreie Fächer beschränken sollte.
SP-Nationalrat Andreas Gross will “Qualitätszeitungen” fördern. Für Gross sind dabei “objektive Kriterien” wie die Anzahl Redaktoren oder die Eigenleistungen entscheidend.1
Ich habe schon Einmannblogs gesehen, die mehr Qualität liefern als Zeitungen mit einem Hundertmannheer Redaktoren. Qualität sollte ja wichtiger sein als die Quantität, oder?
Die Kontrolle durch die Medien funktioniere ungenügend. Demokratie dürfe jedoch nicht vom Markt abhängig sein. Gross’ Fazit: “Wenn der Markt nicht mehr funktioniert, dann muss der Staat ergänzend eingreifen.”1
Ich kann mir gut vorstellen, dass es bei der Kontrolle des Staates durch die staatlich kontrollierten Medien etwas hapert. Man müsste sich sowieso überlegen, ob ein medial kontrollierter Staat nicht ebenso problematisch ist wie staatlich kontrollierte Medien. Vielleicht müsste man auch den Machtkreislauf brechen, der momentan existiert: Die Medien prägen die Politik, die Politik prägt das akademische System, das akademische System prägt die Medien, usw. usf.
Aber eine Demokratie ist stets vom Markt der Meinungen, der Informationen und der Ideologien abhängig. Das ist ja der Grundgedanke: Dass die Bürger die Zügel des Staates in der Hand haben und ihm ihre eigene Meinung und ihren eigenen Willen aufzwingen.
Derzeit könnte man jedoch sagen, dass der Staat abgehauen ist und sich verselbstständigt hat. Vielleicht sollte man ihn wieder einfangen und die Zügel beim nächsten Ritt etwas kürzer fassen. Aber auch mit direkter oder ultradirekter Demokratie ist das Volk abhängig von den Medien und die Medien abhängig vom Schulsystem. Der Kreislauf, der Mahlstrom, dreht sich erneut. Und in seiner Mitte erhebt sich der Leviathan, der zwar kein Phönix ist, aber genau wie dieser stets wieder aus der Asche aufersteht.
Vielleicht wäre es langsam an der Zeit für ein Staatswesen, das mehr auf den Eigennutz der Staatsdiener setzt, statt darauf, dass diese sich spontan dafür entscheiden, das öffentliche Gut namens gute Politik herzustellen.
