Die parteiliche Gegenwart bleibt radikal

Im Tages-Anzeiger steht:

SP-Präsident Christian Levrat zeigt sich «generell beunruhigt» über die Tendenz, dass sich die SVP mehr und mehr als reine Oppositionspartei aufführe, die ausserhalb des Systems stehe. Er sieht die SVP in einer «Radikalisierungsspirale» gefangen. Das systematische Diskreditieren der Institutionen sei Ausdruck davon.

Ich will hier Levrat nicht einmal widersprechen, was vielleicht daran liegen mag, dass ich Radikalität nicht für grundsätzlich schlecht halte (Ausser wenn damit Gewaltbereitschaft gemeint ist, aber dann sollte dieses Wort benutzt werden und kein vieldeutiger Begriff wie Fundamentalismus, Extremismus oder Radikalismus, die eher auf einen stark ausgeprägten Idealismus und den damit einher gehenden Wunsch, die Gesellschaft tiefgreifend zu verändern, hindeuten, als auf den Einsatz bestimmter Mittel. So ist denn auch der Pazifismus oft fundamentalistisch, extrem und radikal, da die meisten Gesellschaften relativ stark von dessen Idealen abweichen.). Allerdings ist Levrats Partei, die SP, selber radikal. Das sollte bei einer sozialistischen Partei in einem gemischtwirtschaftlichen Staat nicht überraschen, aber es erstaunt doch, dass der Präsident der eigenen Partei implizit die Radikalität abspricht. Dies deutet entweder daraufhin, dass die SP ihre Ziele grösstenteils umgesetzt sieht, oder dass die Radikalität einen derart schlechten Ruf hat, dass niemand mehr als radikal gelten mag, ähnlich wie niemand als unmoralisch bezeichnet werden will.

Die SP ist einerseits deshalb als radikal zu bezeichnen, weil nicht unbedeutende Teile der Partei weiterhin den Kapitalismus abschaffen und den Sozialismus einführen, resp. zur Lückenlosigkeit ausbauen wollen. (Trotz mischwirtschaftlichen Verhältnissen und sozialistischen Systemkomponenten würde dies eine recht starke Veränderung des schweizerischen Systems bedeuten.) Andererseits weil sie selber systematisch Institutionen diskreditiert. Den Kapitalismus etwa, die Grossbanken, das Finanzwesen, die Kirchen, bisweilen den Theismus oder die Ehe per se, nicht selten auch das Militär und die Polizei. Das bedeutet nicht, dass SVP und SP mit ihren Kritiken und ihrer Delegitimation stets falsch liegen, sondern lediglich dass sie beide radikal sind.

Nur ist es halt relativ wenig aussagekräftig, Parteien, Weltanschauungen und Ideen als radikal zu bezeichnen, da damit lediglich ein gewisser Abstand zum (ideellen oder materiellen) Status Quo zum Ausdruck gebracht wird, was darüber hinaus keine weiteren Rückschlüsse auf die Inhalte erlaubt. Statt also die Unmoralität der SVP oder des Sozialismus zu beschwören oder die Menschenrechtskonvention oder die Gesetzessouveränität als höchste Ideale anzurufen, wäre es intellektuell fruchtbarer und befriedigender, die Güte der Menschenrechte oder der Souveränität argumentativ zu belegen. Denn so wie ein Verweis darauf, dass eine Volksinitiative der Bibel widerspricht, nur dann Überzeugungskraft hat, wenn die Zuhörer bereits an die ethische Hoheit der Bibel glauben, so ist der Hinweis, dass eine Initiative der Menschenrechtskonvention widerspricht, nur dann überzeugend, wenn die Leser bereits davon überzeugt sind, dass die kodierten Menschenrechte die höchsten aller Ideale darstellen, die nur schlechte oder ungebildete Menschen hinterfragen.

Von der kantonalen Sprachenfrage zum nationalen Sprachenstreit

Eine Meldung aus dem Kanton Thurgau:

Der Grosse Rat beschloss gestern, den obligatorischen Französischunterricht aus dem Lehrplan der Primarschule zu streichen. Die Kinder lernen künftig bis Ende der sechsten Klasse nur noch Englisch.

Doch hier anzunehmen, dass dies in der föderalistischen Schweiz eine kantonale Angelegenheit wäre, irrt:

In der Restschweiz schreckte der Thurgauer Entscheid die Politiker auf. «Es geht um den Zusammenhalt unseres viersprachigen Landes», sagt Christoph Eymann, EDK-Präsident und baselstädtischer Erziehungsdirektor.

Doch während Eymann sagt, er wolle die kantonale Hoheit respektieren, sehen andere Politiker dies anders:

Bundesrat Alain Berset hat ­bereits angekündigt, er werde es nicht tolerieren, dass Kinder in der Primarschule nur noch Englisch lernten. [...] «Die Sprachenfrage muss jetzt auf Bundesebene gelöst werden», sagt SP-Nationalrat Matthias Aebischer. In der Herbstsession werde man Vorstösse einreichen, um das Sprachengesetz so zu verändern, dass Primarschüler obligatorisch eine zweite Landessprache lernen müssten.

Ob Französisch nun in der Primarschule unterrichtet werden muss oder nicht gelehrt werden darf: Beide Seiten sind sich einig, dass alle Schüler in der betreffenden Domäne (Kanton oder Nation) dieselben Fächer zur selben Zeit und auf dieselbe Art lernen sollen. Es ist allerdings zweifelhaft, dass dies den Schülern sehr dienlich ist. Denn einheitliche Lehrpläne und Lernmittel stehen im Konflikt mit der Vielfalt ihrer Interessen und Fähigkeiten. So können und möchten manche Kinder vielleicht vier Sprachen in der Primarschule lernen, während andere sich auf die regional vorherrschende Sprache fokussieren möchten und sollten. Manche lernen lieber und besser in Gruppengesprächen, während andere solitäre computergestützte Übungen bevorzugen. Usw. usf.

Doch gegenwärtig wird das Schulwesen zentralisiert und nationalisiert statt das Bildungswesen zu individualisieren. Dies mag den Glauben befriedigen, dass alle Kinder gleich sind, und es den nationalen Politikern erleichtern, die Schulung der kommenden Generationen zu kontrollieren und ihnen genehme Inhalte, Mittel und Methoden schnell und flächendeckend zu verbreiten. Dass zentral geplantes Lernen den Kindern gerechter wird als national vereinheitlichte Freizeitbeschäftigungen, müsste jedoch erst gezeigt werden.

So werden wir dem nationalen Sprachenstreit, der mitunter daraus entstanden ist, dass die Frage des Frühfranzösischen auf zu hoher Ebene behandelt und entschieden worden ist, noch für viele Jahre mehr zuschauen dürfen. Und mit ihm der Gleichsetzung von Schulen mit Bildung, über die etliche Kinder tagtäglich den Kopf schütteln.

Ideologieexporteurin Schweiz

Ein FDP-Bundesrat hat Ideen:

Bundespräsident Didier Burkhalter hat am Sonntag im Rahmen der Sektion Open Doors des Filmfestivals von Locarno die Initiative «Demokratie ohne Grenzen» lanciert. Ihre Ziele sind die Stärkung der Demokratie, des Friedens und der Menschenrechte in konkreten Projekten.

Ich weiss nicht, wie ernst diese Initiative gemeint ist, wenn sie an einem Filmfestival lanciert wird, doch kritisieren kann man sie so oder so. Einerseits ist fragwürdig, ob die genannten Ziele harmonieren oder ob es zu Zielkonflikten kommen wird. In der Schweiz beispielsweise kann man immer wieder beobachten, dass Demokratie und Menschenrechte kollidieren. Es ist allerdings nicht klar, ob dies an einer falschen Ausgestaltung der Demokratie oder an einer falschen Auslegung der Menschenrechte liegt oder ob eine fundamentale Inkompatibilität vorliegt. Zudem scheinen die Menschenrechte selber in sich widersprüchlich zu sein. Dies bedeutet, dass man manche Menschenrechte nur dadurch stärken kann, indem man andere Menschenrechte schwächt.

Doch selbst wenn sich die Ziele gut vereinbaren liessen, bestünde immer noch die Frage, ob sich die Schweiz in die Innenpolitik anderer Staaten einmischen sollte. Denn Demokratie zu stärken bedeutet zwangsläufig die politische Struktur anderer Staaten zu beeinflussen und die Menschenrechte zu stärken bedeutet, die Gesetzesinhalte anderer Staaten zu prägen. Der schweizerischen Neutralität dürfte dies nicht unbedingt zuträglich sein.

Nun kann es sein, dass man diese Art von Neutralität nicht für wichtig hält, aber dann müsste man, will man in einer Welt der gleichberechtigten Staaten leben, diese Art Interventionismus auch Staaten zugestehen, die nicht unbedingt dieselben Ideale vertreten wie Burkhalter, also beispielsweise China oder Russland. Doch dann könnte die Schweiz statt auf der Geberseite auch auf der Empfängerseite stehen und könnte beispielsweise das Ziel einer Initiative sein, die die russische Version der Menschenrechte in der Schweiz stärken will.

Befürwortet man hingegen eine westliche Hegemonie, die den Weststaaten Interventionen in anderen Staaten erlaubt, die scharf kritisiert werden, wenn sie von Russland oder China begangen werden, so kann man immer noch von Selbstzweifeln geplagt werden. Wenn sich die Skepsis nicht darin erschöpft, an dem Glauben anderer Leuten zu zweifeln, sondern sich auf die eigenen Werte ausdehnt, mag man sich fragen, ob Demokratie und (die in den bekannten Deklarationen festgehaltenen) Menschenrechte tatsächlich die höchsten aller Ideale sind. Denn was ist, wenn man sich darin irrt? Wenn Demokratie nicht immer und überall die beste Staatsform ist, sondern nur unter bestimmten Bedingungen? Liefe man dann nicht Gefahr, mit den Demokratieexporten anderen Menschen zu schaden (selbst wenn man dies nicht mit Drohnenangriffen tut)? Wie überzeugt muss man von der eigenen Ideologie sein, um die Regierungsstrukturen und Verfassungen aller Staaten und Nationen dieser Welt homogenisieren zu wollen und damit auszuschliessen, dass mit Staatsformen und Rechtschartas experimentiert wird, die womöglich utilitaristisch, deontologisch oder ästhetisch besser sind als Demokratie und UN-Menschenrechte?

Die Kraft der universalistischen Werte

Hannes Nussbaumer schreibt:

Kein Thema polarisiert in der Schweiz mehr als unser Verhältnis zum Fremden. Einwanderer, Asylsuchende, Ausländer: Sie lösen bei einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung einen abwehrenden Reflex aus.

Doch es ist irreführend, nur Ausländer als Fremde anzusehen. Denn Fremdheit beschränkt sich nicht nur auf eine andere Hautfarbe, eine andere Nationalität oder eine andere Sprache. Fremd können auch andere Weltanschauungen, andere Sitten, andere Bräuche, andere Dialekte, andere Werte, andere Ästhetik u.ä. sein. Und bei diesen Beispielen sieht man, dass die Fremden nicht aus dem Ausland kommen müssen, sondern auch aus dem Inland stammen können. D.h. auch Schweizer, deren Urgrossväter schon in der Schweiz lebten, können fremd im eigenen Land sein.

Somit kann man bei Nussbaumer ergänzen: Traditionalisten, Erzkatholiken, Aristokraten: Sie lösen bei einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung einen abwehrenden Reflex aus.

Der Umgang mit dem Fremden ist anspruchsvoll, weil er eine Herausforderung für die eigene Identität bedeutet.

Die Traditionalisten sind demzufolge eine Bedrohung für die Identität der Progressivisten, die Anarchokapitalisten eine Bedrohung für die Identität der Sozialdemokraten.

Ängste sind nichts Unstatthaftes. Wenn sie allerdings politisch bewirtschaftet werden – so, wie das in der Schweiz die SVP mit grossem Aufwand tut –, entsteht eine Dynamik mit weitreichenden Folgen.

Auch die SP bewirtschaftet Ängste mit grossem Aufwand. Ängste vor der Marktwirtschaft, vor Traditionen, vor dem Faschismus, vor institutioneller Desintegration.

Die zwei Lager stehen für zwei Schweizbilder. Das eine wünscht sich eine Schweiz, wie sie einmal war. Ein Land mit einer klaren Leitkultur und einer ebenso klaren einheimischen Dominanz.

Diesen Wunsch mag man teilen oder nicht, doch wieso sollte man versuchen, diesem Lager diesen Wunsch (resp. dem andern Lager den andern Wunsch) zu verunmöglichen? Wieso sollte dieser Wunsch nirgends in der Schweiz umgesetzt werden dürfen? Weil es dafür mehr kommunale und kantonale Autonomie bräuchte als heute existiert? Weil diese Art der Lebensgestaltung keinen Schutz verdient? Weil diese Leute, die Wünsche vertreten, die dem andern Lager ziemlich fremd sind, die falschen Fremden sind, denen man nicht mit Offenheit begegnen muss, sondern deren Werte man pauschal ablehnen kann?

Persönlich würde ich es bevorzugen, wenn die beiden Lager nebeneinander leben und ihre Vorstellungen der idealen Schweiz gleichzeitig verwirklichen könnten. Denn heute kann dies kein Lager tun. Stattdessen gibt es inkohärente Kompromisse und weder Linke noch Rechte können ihr Leben und ihre Kommunen nach ihren eigenen Präferenzen gestalten.

Veganismus und die Domestikation des Menschen

Birgit Schmid schreibt in einem Artikel über Veganismus und Veganer:

In Heimen werden Tiere sogar therapeutisch eingesetzt. Auch sie benutzen wir, sagt Raphael: Sie unterhalten uns, aber wir meinen bloss, sie täten das gern. «Katzen sind Wildtiere, wir haben sie ihrem natürlichen Dasein entfremdet. Dasselbe gilt für die Domestizierung des Hundes, Hunde sind heute oft überzüchtet.»

Wenn man Veganer ist, weil man von einer gewissen Gleichheit oder Gleichberechtigung von Tier und Mensch ausgeht, und die Domestikation von Haustieren ablehnt, müsste man auch die Domestikation des Menschen ablehnen. Daraus folgt, dass man auch die daraus hervorgegangene Zivilisation ablehnen und einen Anarchoprimitivismus befürworten müsste. Tut man das nicht, propagiert man eine neue Ungleichheit zwischen Mensch und Tier, bei der die nicht-menschlichen Tiere das Recht haben, nicht domestiziert zu werden, der menschlichen Spezies dieses Recht jedoch verwehrt wird.

Raphael liegt mit seiner Beobachtung richtig, dass Hunde heute oft überzüchtet sind. Qualzuchten sind tatsächlich ein Problem, aber nicht eine zwangsläufige Folge der Domestikation, da es etliche gezüchtete Tierrassen gibt, deren Individuen nicht weniger fit oder gesund sind als ihre nicht domestizierten Gattungsgenossen.

Die Kultur-Natur-Dichotomie lehne ich jedoch ab. Ich würde eher sagen, dass für domestizierte Spezies die Kultur die natürliche Umgebung ist. Für den Menschen ist somit die Zivilisation die natürliche Umgebung und für Hunde das Zusammenleben und das Zusammenarbeiten mit Menschen in der menschlichen Zivilisation, wobei angemerkt werden muss, dass das Schwinden des letzteren das Entstehen der eben kritisierten Qualzuchten begünstigt hat. Hunde und Menschen verwildern zu lassen, ist somit nicht artgerechter als sie zu domestizieren und zu zivilisieren.

Mit Blick auf Nahost (und ganz lokale zwischenmenschliche Konflikte) drängt sich zudem der Schluss auf, dass der Mensch immer noch zu wenig domestiziert ist. Ein Schluss, der dem transhumanistischen Vorhaben Vorschub leisten könnte, den Menschen nicht nur durch die Kultur zu domestizieren (wobei die Kultur natürlich auf die menschliche Biologie rückwirkt und jede Norm eugenische oder dysgenische Wirkungen entfalten kann, indem sie bestimmte Verhaltensweisen mit grösserem oder kleinerem Reproduktionserfolg belohnt), sondern durch direkte genetische, pharmakologische und technologische Eingriffe.

Doch derzeit sieht es so aus, als ob kaum jemand von Gaza auf die Notwendigkeit der Gentechnologie schliessen würde und die Domestikation des Menschen noch für etliche blutige Jahrzehnte ruhen wird.

Gilt ethische Unabhängigkeit auch für Faschisten?

Hier also – mit Bezug auf die Frage nach der Realität von ästhetischen und moralischen Werten, nicht nach der Existenz Gottes – wäre die Grenze zwischen Religiosität und Irreligiosität zu ziehen.
[...]
Dworkin nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er das Minarettverbot beurteilt: «Niemand, der diese politische Kontroverse verfolgt hat, kann auch nur den geringsten Zweifel haben, dass der Ausgang des Referendums eine pauschale Ablehnung der Kultur und Religion des Islams zum Ausdruck brachte. Es war eine Kriegserklärung an das egalitäre Ideal ethischer Unabhängigkeit.»1

In diesem Sinne wären also auch Ideologien wie der Nationalsozialismus, der Sozialismus, der Nationalismus, der Kommunismus, der Faschismus, der Säkulartraditionalismus oder der Humanismus Religionen. Einschränkungen dieser Weltanschauungen, wie etwa ein Verbot, bestimmte Symbole in der Öffentlichkeit zu zeigen, wären somit ebenfalls pauschale Ablehnungen dieser Ideologien. Dies dürfte so weit noch wenig umstritten sein, doch bei konsequenter Weiterführung Dworkins Argumentation könnte auch ein Hakenkreuzverbot eine Kriegserklärung an das egalitäre Ideal ethischer Unabhängigkeit darstellen. Aus dem oben zitierten Artikel geht zumindest nicht hervor, dass Dworkin Ausnahmefälle vorgesehen hätte, bei denen die Ausübung einer Religion nahezu gänzlich verboten werden kann, ohne dass dies die ethische Unabhängigkeit verletzen würde.

Einmal mehr wird also die journalistische Behandlung einer philosophischen Thematik in sehr flachen Gewässern gehalten. Denn zwar wird einerseits der Faschismus gerne als säkulare (oder auch nicht säkulare) Religion bezeichnet und andererseits und an anderer Stelle die Religionsfreiheit vehement verteidigt, doch die beiden Konzepte werden nur selten zusammengeführt. Für den Zustand der Gegenwartsphilosophie wäre es jedoch kein gutes Zeichen, wenn auch ein so berühmter Vertreter des Fachs wie Dworkin nicht darüber nachgedacht oder es zumindest unterlassen hat, sich in Schrift und Wort ausführlich damit zu befassen. Denn es wäre gerade die Aufgabe der Philosophen und allgemein der Intellektuellen auf Widersprüche aufmerksam zu machen und unangenehme Schlussfolgerungen zu ziehen.


  1. Tages-Anzeiger – Warum auch ein Atheist tiefe religiöse Gefühle haben kann []

Jugendliche, Sex & Enthaltsamkeit

Lukas Scherrer schreibt:

Die Jugendlichen von heute sind pervers, verdorben und steigen immer früher miteinander ins Bett. Das könnte man meinen, würde man dem Gezeter einiger älterer Semester Glauben schenken. Doch siehe da: Trotz allgegenwärtiger Nacktheit in Werbung und Medien und der frei zugänglichen Pornografie im Internet hat sich der Anteil sexuell aktiver Jugendlicher in den letzten 30 Jahren kaum verändert. Dennoch reagieren immer mehr junge Menschen auf die sexuelle Reizüberflutung in unserer Gesellschaft und wollen sich ihre Jungfräulichkeit für die Gemeinschaft der Ehe aufsparen.

Wenn sich der Anteil sexuell aktiver Jugendlicher kaum verändert hat, dann kann es nicht sein, dass sich gleichzeitig immer mehr ihre Jungfräulichkeit für die Ehe aufsparen. Es könnte höchstens sein, dass sie dies wollen, jedoch daran scheitern. Doch Scherrer unterlegt dies leider nicht mit Daten.

Soll das die Lösung, die Gegenbewegung zur angeblich übersexualisierten Welt sein? Indem man sich vor der Sexualität verschliesst?

Monogamie mit jungfräulich geschlossener Ehe bedeutet nicht, dass man sich der Sexualität verschliesst, sondern lediglich, dass man ihrer Ausübung gewisse Schranken setzt, die vielleicht Sinn machen und vielleicht nicht. Innerhalb dieses Rahmens findet Sexualität jedoch weiterhin statt und kann unter Umständen befriedigender sein als ein Sexualleben, das ausserhalb dieser selbstgewählten Beschränkungen stattfinden würde. A priori lässt es sich zumindest nicht ausschliessen.

Die Evolution (oder Gott, wenn Sie mögen) hat den Menschen auch die Sexualität gebracht. Was also soll falsch daran sein, sie erfahren zu wollen, wenn der Körper beginnt, die ersten hormonellen Signale auszusenden?

Erstens kann es illegal sein. Das Sexualleben von Jugendlichen unterliegt starken gesetzlichen Beschränkungen. Damit will ich jedoch nicht sagen, dass es moralisch falsch ist, weil es gesetzlich verboten ist. Aber ich möchte doch darauf hinweisen, dass Scherrer das Schutzalter aufweichen müsste, wenn er die obige Aussage konsequent zu Ende denkt und ich zweifle ein wenig daran, dass er dies tun will. Und auch wenn es moralisch nicht falsch ist, ein bestimmtes Gesetz zu brechen, so kann es immer noch aus Gründen der Vorsicht und der Bewahrung der eigenen Freiheit falsch sein, dies zu tun. Zudem kann es unmoralisch sein, unmoralische Gesetze zu brechen, wenn man mit dem Gesetzesbruch andere gefährdet, und beispielsweise den Sexualpartner oder die Sexualpartnerin in Gefahr bringt, mit Freiheitsentzug bestraft zu werden.

Überdies bedeutet es nicht, dass Sexualität (im Rahmen der Einvernehmlichkeit) beliebig ausgelebt werden sollte, bloss weil sie natürlich ist. Schliesslich sind auch Hochmut, Geiz, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit natürlich. Doch die Zivilisation gründet sich auf die rechtliche und sittliche Beschränkung dieser Triebe. Zwar mag es für manche so aussehen, als wäre lediglich die Beschränkung des Aggressionstriebs relevant und der Sexualtrieb könne beliebig ausgelebt werden, solange das gegenseitige Einverständnis bewahrt bleibt, ohne dass dies der Zivilisation abträglich wäre. Doch meine frühere Sicherheit, dass dem so ist, habe ich verloren und heutzutage bin ich diesbezüglich agnostisch. (Ein weiterer Grund, wieso ich Kleinstaaten, Sezessionismus und institutioneller Pluralismus stärker befürworte als weltweiten Liberalismus.)

Die Sexualität ist ein natürliches Bedürfnis des Menschen. Wird dieses Bedürfnis einfach unterdrückt, kann das für Körper und Geist auf Dauer kaum förderlich sein.

Der Sexualtrieb ist tatsächlich natürlich, der Aggressionstrieb aber ebensp. Die Kombination der beiden Triebe zu unterdrücken, dürfte jedoch nicht nur für Körper und Geist der potenziellen Opfer förderlich sein, sondern auch für jenen der potenziellen Täter und Täterinnen. Bei etlichen der sieben Todsünden, etwa bei der Völlerei oder der Habgier, sollte selbst für den aufgeklärten und abgeklärten Humanisten klar sein, dass es sich dabei im Kern um natürliche Bedürfnisse handelt und dass es für Psyche und Physis gut ist, sie bis zu einem gewissen Punkt zu unterdrücken. Die Möglichkeit, dass es sich mit der Wollust ähnlich verhält, sollte daher nicht leichtfertig verworfen werden.

Befürworter der vorehelichen Keuschheit argumentieren, die Ehe würde harmonischer. Doch ist es nicht eher so, dass der jugendliche Entscheid zur sexuellen Enthaltsamkeit auch durchaus gefährlich sein kann?

Alles birgt Gefahren. Daher kann man keine Handlung allein deswegen verwerfen, weil sie gefährlich ist. Man muss vielmehr die Gefahren gegen den Nutzen abwägen und diese mit den Gefahren und dem Nutzen der realistischen Alternativen vergleichen.

Wer die spätere Liebe seines Lebens nicht auf Herz und Nieren überprüft, dem fehlt eine wichtige Gewissheit, die für eine funktionierende Ehe nicht unerheblich ist. Können zwei Verliebte das erste Mal kaum mehr erwarten, besteht nicht zuletzt auch die Gefahr einer verfrühten und unüberlegten Heirat.

Das Argument mag theoretisch vielleicht überzeugen, doch ob die Empirie es unterstützt, ist fraglich. So gibt es Studien, die zeigen, dass vorehelicher Geschlechtsverkehr mit einem höheren Scheidungsrisiko verknüpft ist, auch wenn womöglich ein Drittfaktor verantwortlich für den Zusammenhang ist.

Es gibt nur einen Liberalismus

Die Übungsanlage krankt an der fragwürdigen Aufteilung in Wirtschafts- und Gesellschaftsliberalismus, die verwandt ist mit der früher beliebten Unterscheidung zwischen politischem und wirtschaftlichem Liberalismus, wie sie etwa vom italienischen Philosophen Benedetto Croce entwickelt wurde. Heute treffen solche Differenzierungen vorzugsweise jene, die die Zwangsgewalt des Staates nicht auf die Durchsetzung allgemeiner Verhaltensregeln begrenzen möchten, sich aber gerne als Liberale sähen.

Die Unterscheidung zwischen mehreren Liberalismen führt indessen gleich mehrfach in die Irre. So suggeriert sie, Wirtschaft und Gesellschaft seien nicht sich stark überlappende Teilsysteme eines Ganzen, sondern abgeschlossene Bereiche menschlichen Zusammenwirkens. Ferner nährt sie die Vorstellung, man könne gesellschaftlich liberal, wirtschaftlich aber interventionistisch politisieren – und umgekehrt. Die deutschen Ordoliberalen haben das unter dem Motto «Interdependenz der Ordnungen» als langfristig unmöglich erkannt, und Milton und Rose Friedman sprechen in «Free to Choose» zu Recht von der «Freiheit als einem Ganzen». Gefährlich ist an der behaupteten Dichotomie aber vor allem die Ansicht, in gesellschaftlichen Fragen gälten andere – vermeintlich ebenfalls liberale – Prinzipien als in wirtschaftlichen. Für den Liberalismus ist es laut Friedrich August von Hayek jedoch durchgehend oberstes Ziel, dass der Mensch keinem willkürlichen Zwang unterworfen ist: «Die . . . Forderung nach Freiheit verlangt, dass niemand von anderen Menschen in seinen persönlichen Anstrengungen behindert wird, erwartet aber nicht, dass die Gemeinschaft oder der Staat bestimmte Güter bereitstellt.»
[...]
Liberale dagegen werden sich in gesellschaftlichen Fragen ebenso neutral verhalten wie auf wirtschaftlichem Gebiet. Sie wissen nicht, was den Menschen besser frommt, sie sind überzeugt, dass nicht für alle die gleichen Produkte und Lösungen gut oder schlecht sind, sie glauben an den Entdeckungsprozess des Wettbewerbs. Eine Freiheit, die von der Allgemeinheit bezahlt wird, werden sie genauso wenig als gesellschaftsliberal begreifen wie eine dauerhaft staatlich subventionierte Herstellung von Produkten als wirtschaftsliberal. Sie werden vielmehr in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft den gleichen, einfachen Prinzipien folgen. Gesellschaftspolitisch das Gegenteil von dem zu verlangen, was wirtschaftspolitisch gilt, muss ihnen daher notwendigerweise als Inkonsistenz, Etikettenschwindel oder Perversion der liberalen Idee vorkommen – oder als alles zusammen.1


  1. G. S. – Wirtschaftsliberal, gesellschaftsliberal oder ganz einfach liberal? []

Ein paar Fragen zur Fortpflanzungsmedizin

Welche Welt ist aus moralischen, utilitaristischen, ästhetischen oder eudämonistischen Gesichtspunkten zu bevorzugen: Jene, in der sich die Menschen höchstens temporär mit physischen oder psychischen abfinden müssen oder jene, in der manche Menschen schon von Geburt an funktionsunfähige Beine haben oder den Grossteil ihres Lebens blind verbringen müssen? Jene, in der es nur Schöne oder Intelligente gibt oder jene, in der die Dummen und Hässlichen in der Mehrheit sind?

Was ist besser für das grösste Glück der grössten Zahl: Wenn eine Mehrheit der Menschen mit physischen und psychischen Behinderungen leben muss oder wenn es nur eine verschwindend geringe Anzahl Behinderte gibt?

Welche Situation ziehen die Betroffenen vor: Wenn von 100’000 Menschen, die in einem Jahr geboren werden 1’000 oder 10 behindert sind?

Was ist das schlechte an der Eugenik: Dass es dabei zu Abtreibungen kommt? Dass der Staat den Menschen vorschreibt, ob und wie sie sich fortpflanzen dürfen? Dass nicht alleine der Zufall bestimmt, welche Menschen gezeugt und geboren werden? Dass versucht wird, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrössern?

Was ist schlimmer: Wenn der Staat den Menschen vorschreibt, wer sich fortpflanzen darf, wie sie sich fortzupflanzen haben und welche medizinischen Technologien sie zur Hilfe nehmen dürfen? Oder wenn er ihnen die völlige Freiheit lässt, wer sich wann mit wem fortpflanzt und ob sie sich dabei der Fortpflanzungsmedizin bedienen?

Was ist tragischer: Der Tod eines Elefanten oder der Tod eines Fötus?

Ist Selektion immer schlecht oder nur dann, wenn mit den falschen Mitteln gegen die falschen Merkmale selektiert wird? Also beispielsweise nur dann, wenn mittels Präimplantationsdiagnostik gegen genetisch bedingte Krankheiten und Behinderungen selektiert wird, oder auch, wenn mittels Partnerwahl oder Samenspenderkatalog gegen Psychopathie und Soziopathie selektiert wird?

Ein Weltstaat für Andreas Gross

Andreas Gross sagt, als habe er freien Blick aufs Mittelmeer: «Es reicht nicht, die EU demokratischer zu gestalten; wir brauchen globale Standards.»

Will heissen: Das Recht auf Bildung, Nahrung und Obdach müsste universell gewährleistet werden. Jegliches Machtgefüge sei zu verpflichten, diese Grundrechte zu achten. Als konkrete Utopien hat Andreas Gross weltregionale Parlamente vor Augen und ein globales Gericht als letzte Instanz. Damit einher geht die lapidar und gleichermassen visionär anmutende Forderung, dass kein Mensch rechtlos sein dürfe.1

‘Globale Standards’ und ‘universelle Gewährleistung’ sind derzeit gleichbedeutende Begriffe. Doch nach einer hoffentlich nicht allzu fernen Besiedlung von Mond und Mars wird es von grosser Bedeutung sein, ob das Gericht nur für globale Rechtsverletzungen zuständig sein wird oder für universelle.


  1. René Zeller – Der Demokratieverfeinerer []