Tanzverbote und Hochzeitstortenbackgebote

Valentin Abgottspon titelt:

Zum Hasenfest: Wir lassen euch beten, lasst ihr uns feiern!

Doch ist diese Analogie zutreffend? Hat für Christen das Tanzen an hohen Feiertagen die gleiche Bedeutung, die gleiche Qualität wie für Atheisten das Beten an ebendiesen oder an analogen Tagen?

Religiöse Gemeinschaften dürfen der gesamten Gesellschaft Vorschriften machen, wie sie ihre Freizeit und ihr Privatleben zu organisieren haben.

Und mit diesem simplen Satz wird implizit eine Dichotomie errichtet zwischen religiösen Gemeinschaften, die dies tun, und den unreligiösen, die dies angeblich nicht tun. Doch die Parole „Das Private ist politisch“ stammt nicht von Erzchristen und es liegt in der Natur von jeglichen weltanschaulichen Gruppierungen (ob theistisch oder nicht), dass sie die Gesellschaft nach ihren Idealen gestalten wollen. So wollen denn Grüne, Feministen, Antirassisten und Laizisten genauso sehr wie Christen den jeweiligen Andersgläubigen vorschreiben, wie sie ihre Freizeit und ihr Privatleben zu gestalten haben. Die Ideale sind halt sehr verschieden und deshalb äussert sich dieser Gestaltungswille mal als Rassismusverbot und mal als Tanzverbot. Doch kaum eine Ideologie lässt zu, dass gegen ihre Kernwerte verstossen wird.

Daher halte ich Abgottspons Analogie für schief bis irreführend. Denn nur wenn heutige “Freidenker, säkulare Humanisten und Rationalisten” das Beten ähnlich auffassen wie einst die Stalinisten und Maoisten, stellt das Beten für die Atheisten eine ähnliche Transgression dar wie das Tanzen an hohen Feiertagen für die Christen. Tanzen an Karfreitag und Ostern ist für Christen eine Verletzung ihrer Kernwerte, sei es, weil es als Gotteslästerung angesehen wird, als Sünde oder als Verstoss gegen Gottes Gesetze. Atheisten mögen Beten für lächerlich oder bisweilen für gefährlich halten, aber nur bei wenigen tangiert es ihre Kernwerte. Mit der (Umsetzung der) Parole ‘Wir lassen euch beten, lasst ihr uns feiern!’ wird den Christen somit ein viel grösseres Opfer abverlangt als den Atheisten. (Mal abgesehen davon, dass die Christen an diesen Tagen natürlich auch feiern, sind es doch für sie hohe Feiertage.)

Ich schlage deshalb als Ersatz-Slogan ‘Wir lassen euch diskriminieren, lasst ihr uns sündigen!’ vor. Unter dieser Regeln dürften Atheisten (und weniger streng gläubige Christen) an allen Tagen des Jahrs drinnen und draussen beliebig oft und beliebig lange tanzen. Im Gegenzug dürften die Religionsgemeinschaften die kirchliche Ehe frei definieren, und religiöse Individuen und Korporationen dürften selber entscheiden, mit welchen Personen zu welchen Zwecken sie Geschäftsbeziehungen eingehen. Dann müssten Christen ansehen, wie ihre Nachbarn am Karfreitag im Garten tanzen und Progressive, wie ihre Nachbarschaftsbäckerei den homosexuellen Paaren keine Kuchen bäckt und weder die einen noch die anderen hätten rechtliche Handhabe, diesen Verstoss gegen ihre Kernwerte zu unterbinden.

Ist die Schweizerische Nationalbank unabhängig?

Wie kann die Schweizerische Nationalbank unabhängig sein, wenn 55% ihres Aktienkapitals im Besitz der öffentlichen Hand sind und sechs von elf Mitgliedern (darunter der Präsident und der Vizepräsident) des Bankrats, der die Geschäftsführung der Nationalbank überwacht und kontrolliert, sowie alle drei Mitglieder des Direktoriums, das das oberste geschäftsleitende und ausführende Organ der Nationalbank ist, vom Bundesrat ernannt werden?1

Wer in anderen Zusammenhängen die Finanzierung einer Organisation als Beleg für die Beeinflussung der Organisation durch die Finanzierenden sieht (wie etwa wenn profitorientierte Konzerne Universitäten, Studien oder Parteien sponsern) oder wer in der Wahl der Führungskräfte der Organisation eine Kontrolle der Organisation durch die Wählenden sieht (wie etwa bei demokratischen Parlamentswahlen oder auch bei unternehmensinternen Wahlen), sollte auch bei der Nationalbank von einer Beeinflussung durch die überaus politische Institution des Bundesrats ausgehen. Die Nationalbank wäre somit eben nicht unabhängig von der Politik (und auch nicht unabhängig von der personellen und parteilichen Zusammensetzung des Bundesrats). Man könnte natürlich auch von einer Nicht-Beeinflussung ausgehen, bis die Abhängigkeit belegt ist. Doch wenn die verschiedenen Wahlarten, Finanzierungstypen oder Organisationsformen nicht offensichtlich zu wesentlichen Unterschieden in der Beeinflussbarkeit der Organisation durch Finanzströme oder Wahlen führen, müsste man auch bei den anderen genannten Beispielen von einer Unabhängigkeit der Gewählten von den Wählenden und der Finanzierten von den Finanzierenden ausgehen.

Zu beobachten ist jedoch, dass viele Leute entweder die Finanzierung durch private Grosskorporationen oder die Ernennung der Führungskräfte durch den Staat (insbes. durch Exekutive oder Legislative) als Gefahr für die (oder sogar als Beleg für die Abwesenheit der) Unabhängigkeit einer bestimmten Organisation ansehen, aber nur wenige beides gleichermassen. Diese Spaltung der Stimmbürger könnte man nun natürlich wiederum auf die unterschiedliche Beeinflussung der politischen Gruppierungen durch unterschiedliche Organisationen zurückführen. Zur Frage, ob die Nationalbank unabhängig ist, kommt also die Frage hinzu, ob neutraler Grund existiert, von dem aus man diese Frage beantworten kann.


  1. wikipedia – Schweizerische Nationalbank []

Free hearing instead of free speech?

Robin Hanson writes:

Control is a key status marker; all else equal those who give orders are above those who take orders. This seems to be the main reason for democracy’s popularity, not that it makes better decisions but that it raises citizen status, by appearing to put citizens in control.

Consider also that we call it “free speech,” not “free hearing.” The usual rationale for “free speech,” which seems persuasive, is that in the long run we as a society learn more via an open competition for the best ideas, where anyone can try to persuade us as best they can, and listeners are free to choose what to hear. Yet that concept would best be called “free hearing” – a freedom to hear and evaluate any case presented, based on any criteria you like (including cost). It is not a right to make others listen to you.

“Free hearing” would apply not just to hearing from adult citizens in good standing, but also to hearing from children, convicts, corporations, robots, foreigners, or demons. We wouldn’t argue if corporations have a right to speak, but rather if we have a right to hear what corporations have to say.

But in fact we have “free speech,” a right only enjoyed by adult citizens in good standing, a right we jealously guard, wondering if corporations etc. “deserve” it. This right seems more a status marker, like the right to vote, than a way to promote idea competition — that whole competition story seems more an ex post rationalization than the real cause for our concern. Which is why support for “free speech” is often paper thin, fluctuating with the status of proposed speakers.

Curing Stupidity & Ugliness?

“If you are really stupid, I would call that a disease,” says Watson, now president of the Cold Spring Harbour Laboratory, New York. “The lower 10 per cent who really have difficulty, even in elementary school, what’s the cause of it? A lot of people would like to say, ‘Well, poverty, things like that.’ It probably isn’t. So I’d like to get rid of that, to help the lower 10 per cent.”

Watson, no stranger to controversy, also suggests that genes influencing beauty could also be engineered. “People say it would be terrible if we made all girls pretty. I think it would be great.”1


  1. Shaoni Bhattacharya – Stupidity should be cured, says DNA discoverer []

Disney World

Moreover, the real triumph of Disney has nothing to do with its movies. This corporation, founded by a hard-core believer in free markets, and a cultural reactionary to boot, has demonstrated new frontiers of private-property creativity. It has erected entire communities of perfect order and freedom organized on the principles of free enterprise.

Disney World is 45 square miles, an area the size of San Francisco. The rides are the least interesting part. Disney World contains upwards of 300 retail stores, plus nature preserves, streams and lakes, nature trails, recreation areas, yacht clubs, resorts, beach clubs, golf courses, office space, and campsites. There are 12,000 rooms available for rent, and total employment is 35,000, most of them young people who behave themselves because they have to.

Infrastructure like roads and bridges are entirely private, as are police services, fire protection, sewage, and trash disposal. Despite having no taxes or mandates, and being entirely free from outside zoning, this massive park is arguably the best “governed” place on earth. There is no crime, no vandalism, and no sexual profiteering. There are no gangs, no slums, no homeless bums, no panhandlers, and no loiterers. Because it is private, every inch is cared for.

If you re looking to restore the old days of charming architecture and safe, clean streets, look to the Disney-created town of Celebration, Florida. Again, it is entirely private. Ten minutes south of the Magic Kingdom, it is a bustling place that will soon be home to 20,000 people. New houses are grabbed up instantly, as are spots in the new private school. There’s no cultural rot here. How interesting that it’s become the target of left-wing attacks for “artificiality.”

The economics literature is always fretting about “public goods” that markets supposedly can’t produce, including police protection and infrastructure. Nonsense, said Disney, and proceeded to demonstrate how orderly a micro-society can be when there’s no government to push property owners around.

Indeed, Disney World points the way towards solving most of our social and cultural troubles: put more property in private hands. It has even shown us how the immigration problem can be handled. Disney World attracts 30 million visitors per year without disruption.

As economist Fred Foldvary points out, Disney shows that the less government intervenes, the more private enterprise can satisfy human wants; supposed “public goods” are no exception.1


  1. Slouching Towards Statism by Llewellyn H. Rockwell, Jr. []

Zur Annahme der Masseneinwanderungsinitative: Eine andere Interpretation

Zur Analyse der eidgenössischen Abstimmungen vom 9. Februar 2014, spezifisch zur Annahme der Volksinitiative ‘Gegen Masseneinwanderung’:

Der Entscheid zur SVP-Initiative war Ausdruck eines Identitätskonflikts über den Grad der Öffnung der Schweiz und die Verteidigung der Traditionen. So wurde die SVP-Initiative von jenen Personen klar unterstützt, welche die Traditionen verteidigen, für eine verschlossene Schweiz eintreten, Schweizer gegenüber Ausländern bevorzugt behandeln wollen sowie Ruhe und Ordnung für sehr wichtig halten. Fast ebenso deutlich wurde die Initiative von jenen Personen verworfen, die eine moderne und offene Schweiz befürworten, Ausländern gleiche Chancen einräumen wollen und Ruhe und Ordnung für nachrangig halten.1

Von einem Forschungsinstitut würde ich mir schon eine etwas neutralere Formulierung wünschen, aber unerwartet kommt es nicht, dass die Initiativ-Gegner als Verfechter einer modernen Schweiz bezeichnet werden und der Begriff der Modernität somit in einem progressivistischen Sinne verwendet wird. Interessanter als diese Parteilichkeit der Studien- oder zumindest der Berichtsverfasser ist aber, dass sie diese Einseitigkeit vermutlich abstreiten würden.

Zweitens stieg die Ablehnung der SVP-Initiative zwar mit dem Bildungsstand und dem Haushaltseinkommen, doch die Initiative profitierte von der aussergewöhnlich starken Mobilisierung der unteren Einkommens- und Bildungsschichten.1

Mit Bildung ist hier natürlich Staatsschulung gemeint. Berufliches Sachwissen, das nicht schulisch zertifiziert oder erworben wurde, wird bei Bildungsniveaumessungen generell nicht erfasst. (Es ist klar, dass Schulabschlüsse viel einfacher registriert werden können als tatsächliches Wissen und durch Erfahrung erworbene Bildung, aber man sollte sich trotzdem bewusst sein, dass damit ein oberschichtliches Bildungsideal befördert wird, bei dem Bildung eine starke Signalfunktion (und nicht unbedingt eine Produktivitätsfunktion) hat.) Nimmt man nun an, dass Schulung tatsächlich formend wirkt und nicht spurlos an den Schülern vorbei geht, und dass Schulen nicht nur Wissen, sondern auch Werte vermitteln (und hier sehen wir, dass weder Geschichts- und Literaturunterricht noch schulische Verhaltensnormen ideologisch neutral sind oder sein können), dürfte klar sein, dass die Schulen die Werte und Weltbilder der Schüler beeinflussen können. Die These, dass in Schulen eine gewisse Neigung zum Linksprogressivismus herrscht, ist zwar umstrittener, aber diese Affinität scheint sowohl bei den Lehrern wie auch bei den Unterrichtsmaterialien (neben dem Management und den Verhaltenskodizes) zu existieren. Aus der Beobachtung, dass Höhergebildete hier linker gestimmt haben, kann man deshalb nicht einfach folgern, dass sie das getan haben, weil sie besser gebildet sind und somit das Thema besser verstehen. Eine andere mögliche Erklärung ist, dass sie länger geschult worden sind und dass das ihre Werte verändert hat. Daneben gibt es natürlich noch dutzende andere Erklärungen wie die Rigidität sozialer Schichten oder Selbstselektion.

Drittens spielte auch die starke Zustimmung der Arbeiter, Angestellten, Selbständigerwerbenden sowie der Landwirte und Arbeitslosen (letztere sind in der Stichprobe wenig zahlreich) eine Rolle. Ähnliches gilt für die Personen, die ihre eigene wirtschaftliche Situation als “passabel”, “schlecht” oder “sehr schlecht” betrachten und der Initiative grossmehrheitlich zustimmten. Insofern kann diese Abstimmung auch als Ausdruck eines allgemeineren Zwiespalts hinsichtlich der (subjektiv wahrgenommenen) Vor- und Nachteile der Globalisierung im Allgemeinen sowie der Zunahme der Migrationsströme im Besonderen verstanden werden.1

Ich finde es immer noch auffällig, dass nach der Abstimmung zur Masseneinwanderungsinitiative der Begriff ‘Globalisierungsverlierer’ so wenig gefallen ist, wo er doch sonst zum Standardrepertoire vieler Linker gehört. Die gfs.ler erwähnen zwar den Begriff der Globalisierung, aber sie schwächen ihn sofort ab, indem sie die Vor- und Nachteile als subjektiv wahrgenommen einstufen. Dies lässt strikte genommen die Möglichkeit offen, dass die Vor- und Nachteile objektiv existieren, aber bringt den Fokus auf die Wahrnehmung der Migrationsströme, die eben falsch sein kann. Es ist fürderhin bezeichnend, dass die Begriffe Bevölkerungswachstumsverlierer und Immigrationsverlierer nicht existieren und der Begriff Migrationsverlierer vorwiegend im Zusammenhang mit Braindrain und Entwurzelung (und anderer Probleme, von denen spezifisch die Emigranten betroffen sind) gebraucht wird. Obwohl es sehr unwahrscheinlich ist, dass Immigration und Bevölkerungswachstum auch objektiv gesehen für alle Inländer in jeder Hinsicht positiv sind, fehlt dieser Aspekt in der Interpretation der Abstimmungsergebnisse somit weiterhin. Zumal für viele Leute nicht nur das Wirtschaftliche zählt, sondern auch die anderen Aspekte des Lebens. (Merkwürdig, dass ich die Linken daran erwähnen muss, aber es waren nicht zuletzt sie, die sich im Abstimmungskampf äusserst stark auf die Wirtschaft fokussiert haben.)

Akzeptiert man dieses doch sehr schwache Argument, scheint es relativ wahrscheinlich zu sein, dass Leute in schlechteren wirtschaftlichen Situationen stärker von den negativen Effekten von Immigration und Bevölkerungswachstum betroffen sein dürften. (Aber eben, auch hier spielen dutzende Faktoren eine Rolle. Psychologische etwa: Armut könnte sich negativ auf die Risikobereitschaft und die Offenheit gegenüber Fremdem und Fremden auswirken und somit politische Entscheidungen beeinflussen.) Reichere sind beispielsweise mobiler und können die Wahl der Nachbarschaft stärker an ihren eigenen Präferenzen ausrichten als an ihrem Einkommen. Sie sind auch weniger von steigenden Wohnpreisen in Städten und Stadtzentren betroffen. Ärmere hingegen können preislich eher abgedrängt werden und haben weniger Gestaltungsmacht über ihr Umfeld. Bei ihnen ist also stärker von äusseren Umständen abhängig, in welchem kulturellen, schulischen und sozialen Milieu sie leben müssen. D.h. sie können die negativen Effekte von Migration und Bevölkerungswachstum weniger gut kompensieren, resp. ihnen weniger gut ausweichen, als Reichere und könnten deshalb stärker geneigt sein als diese, einer Masseneinwanderungsinitiative zuzustimmen, um damit die Immigration abzuschwächen und das Populationswachstum zu verlangsamen.

In Anbetracht dieser Erklärungsmöglichkeiten ist es durchaus bedeutsam, dass die Linken hier auf der Seite der Reicheren und Gebildeteren waren und die Rechten auf der Seite der Ärmeren. Für die Linken stellt sich somit die Frage, ob sie einfach versagt haben, die Dispriviliegierten davon zu überzeugen, dass Immigration und Bevölkerungswachstum auch für sie das beste sei, oder ob es tatsächlich die Armen sind, die die negativen Effekte ihrer Migrationspolitik tragen müssen.

Oder vielleicht wäre es besser, nach anderen Erklärungen zu suchen als jenen, die in der Presse, in der gfs-Analyse und in diesem Blogpost erläutert wurden?


  1. Auszug aus der Forschungsarbeit von gfs.bern: Analyse der eidgenössischen Abstimmungen vom 9. Februar 2014 [] [] []

Beleidigungen verboten?

Ungeachtet des im Grundgesetz verankerten Rechts auf Meinungsfreiheit dürfen auch in Internetblogs über Andere weder Unwahrheiten noch Beleidigungen ungestraft verbreitet werden. Das bestätigten unlängst das Landgericht Berlin und das Landgericht Düsseldorf in zwei getrennten Verfahren. Damit erwirkte ein Internetdienstleister, dessen Interessen von der Kanzlei BERGER Rechtsanwälte (Düsseldorf/Köln) vertreten wurden, einstweilige Verfügungen gegen zwei Blogbetreiber. Ihnen droht im Fall der Zuwiderhandlung ein Ordnungsgeld von bis zu 250 000 Euro oder eine Ordnungshaft von bis zu sechs Monaten. In beiden Fällen müssen die Blogbetreiber die Kosten des Gerichtsverfahrens zahlen.1

1. Beleidigungen sind, online wie auch offline, alltäglich und beinahe allgegenwärtig. Ein ernsthaftes Beleidigungsverbot würde also bedeuten, dass jeder Mensch gleich hundert- oder tausendfach zum Kläger wie auch zum Angeklagten werden müsste.

2. Was eine Beleidigung ist und was nicht, ist in höchstem Masse subjektiv. Ein Wort, von dem sich der eine beleidigt und gekränkt und in seiner Ehre und Würde angegriffen fühlt, kann für den andern ein extraordinäres Lob darstellen. In vielen Fällen ist zudem nicht vorhersehbar, ob sich der (indirekt) Angesprochene verletzt fühlen wird oder nicht. Gerade bei politischen, religiösen und sonstwie weltanschaulichen Meinungsäusserungen findet sich stets jemand, der sich von der betreffenden Äusserung beleidigt oder angewidert fühlt. Ein Beleidigungsverbot würde folglich dazu führen, dass wir alle in ein katatonisches Schweigen verfallen müsste, um sicherzustellen, dass wir auch wirklich niemanden beleidigen.

3. Es gibt kein Recht auf seinen (guten) Ruf. Mein Ruf ist nicht mein Eigentum, sondern lediglich die Gesamtheit davon, was andere Menschen über mich denken. Es steht mir nicht zu, zu verlangen, das andere Leute etwas bestimmtes über mich denken.

4. Selbstverständlich muss es auch erlaubt sein (bewusst oder unbewusst) die Unwahrheit zu sagen. (Eine Ausnahme kann dort bestehen, wo man sich vertraglich verpflichtet, die Wahrheit zu sagen. Betrugsverbote sind von daher durchaus zu begrüssen.) Denn ein “Lügenverbot” würde bedeuten, dass eine staatliche Wahrheitskommission bestimmt, welches die offizielle Wahrheit ist und dass der Staat dann alle Ansichten verbietet, die nicht der offiziellen Wahrheit entsprechen. Damit würde jedoch sämtlicher Fortschritt gestoppt und der Wissens- und Glaubensstand der Gesellschaft auf dem heutigen Niveau eingefroren. Denn Fortschritt bedeutet gerade, dass man die bisher geltende Wahrheit (teilweise) widerlegt.

5. Wenn es Staatsaufgabe ist, zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden und Rufe zu bewahren, kann dies beim Staatsvolk zu einer gewissen geistigen Faulheit führen. Die Bürger kümmern sich nicht mehr selber darum, Behauptungen anderer Menschen kritisch zu hinterfragen und Beweise und Belege zu verlangen, bevor sie den Äusserungen einer andern Person ihren Glauben schenken. Stattdessen nehmen die Leute an, dass der Staat dafür sorgt, dass die Wahrheit ans Licht kommt und niemand zu Unrecht beschuldigt wird. Da der Staat dies jedoch weder tun will noch tun kann, ist eine Potenzierung der Unwahrheit und der Leichtgläubigkeit die Folge.

6. Es ist zudem zu befürchten, dass mächtigere Leute besser von einem Beleidigungsverbot Gebrauch machen können als weniger Privilegierte, da sie besseren Zugang zu Rechtsmitteln haben. Es ist folglich nicht von vornherein auszuschliessen, dass auch diese Beschränkung der Meinungsäusserungsfreiheit die Mächtigen stärker schützt als die Armen und Schwachen. Und dass Kritik an den Etablierten und Wohlsituierten im Vergleich zur Kritik an Aussenseitern somit (noch) risikoreicher wird.

7. Auf Worte mit etwas anderem als mit Worten zu reagieren, scheint a priori unverhältnismässig zu sein. Nur besondere Umstände, wie etwa wenn eine Wortäusserung direkt dazu führt, dass andere Menschen an Leib, Leben und Eigentum geschädigt werden, wie dies etwa bei Gewaltaufrufen oder Betrug der Fall ist, kann der Einsatz der Staatsgewalt gegen Wortäusserungen verhältnismässig sein. In Einzelfällen mögen sich zwar auch andere Arten der Wortäusserungen, etwa Beleidigungen oder wissenschaftliche Statements, stark negativ auf andere Menschen auswirken. Doch vage und allgemein gehaltene Verbote würden zu einem Chilling Effect führen, dessen negativen (teilweise oben genannten und teilweise in jeder Verteidigung der Meinungsäusserungsfreiheit erwähnten) Folgen weit grösser wären als die positiven.


  1. relevant – Auch im Internet sind der Meinungsfreiheit Grenzen gesetzt []

Human values can’t be determined by science

sam-harris-the-atheists’s new book is sub-titled “how science can determine human values.” determine! it’s unlikely that i’ll read that book, but that’s a very good statement of science as a religion, and it is complete hogwash. if you think you’re deriving “human values” from evolution, or from climate studies, or from psychology, or from string theory, or genomics, i say you are utterly self-deluded. by an astonishing coincidence, science will end up confirming precisely the “values” (=politics) you started out with: your mother’s new deal liberalism or whatever. reality itself demands that you support obama’s tax policies. these claims for science, or this revival of extreme scientism, simply make it a new scholasticism, and it is a profoundly a structure of epistemic authority, a constant bowing and scraping before ‘expertise’ as articulated in these gigantic institutional contexts on matters about which you can have no understanding without being processed through the institution to the ph.d. and beyond, which you must simply accept. what’s obvious about these new atheists etc is that they still need a religion. someone has to tell them what values to hold or they are lost. and they are angry because they got lost. but now they’ve found their faith, their priesthood.1


  1. Crispin Sartwell – September 29, 2010 []

Sind Schönheitswettbewerbe sexistischer als andere Wettkämpfe?

Seit Jahrzehnten muss sich der “Miss World”-Wettbewerb gegen Kritik zur Wehr setzen, er reduziere Frauen auf ihr Äußeres, sei sexistisch.1

Doch sind nicht alle Wettbewerbe reduktiv, da sie zwingend nur einen sehr schmalen Aspekt einer Person messen? Sportwettkämpfe reduzieren Frauen beispielsweise auf ihre Muskulatur oder ihr Reaktionsvermögen, Schachwettkämpfe auf ihre Intelligenz, Scrabblewettkämpfe auf ihren Wortschatz. Spelling Bees reduzieren sogar schon kleine Kinder auf ihre Rechtschreibefähigkeiten. Mit zunehmender wirtschaftlicher Spezialisierung werden auch Berufe immer reduktiver, da eine Spezialisierung eben stets eine Reduktion auf ein enges Tätigkeitsfeld ist. Auch Freundschaften und Partnerschaften können reduktiv sein, da sie über Kristallisationspunkte zustande kommen, die die anderen Aspekte der Person in den Hintergrund rücken. Eigentlich müsste man jede Interaktion als reduktiv einstufen, da sie eben unter Ausschluss hunderter anderer Interaktionsarten geschieht. Geschlechtsverkehr und intellektuelle Diskussionen sind somit gleichsam reduktiv. (Und selbst wenn diese beiden Interaktionen mal gleichzeitig stattfinden, gibt es immer noch sehr viele andere Interaktionen, die dadurch in dieser Zeitspanne unrealisiert bleiben.)

Schönheitswettbewerbe können also kaum deshalb sexistisch sein, weil sie reduktiv sind, da sonst jeder Wettbewerb sexistisch sein müsste. Somit könnten sie noch deshalb sexistisch sein, weil bei ihnen die physische Schönheit im Vordergrund steht. Doch a priori ist Schönheit bloss ein Wert (oder ein Personenaspekt) unter vielen und nicht grundsätzlich anders als andere Werte wie Intelligenz, Höflichkeit oder Empathie. Es bleiben also historische Gründe übrig, wieso Schönheitswettbewerbe als sexistisch gelten, andere Wettkämpfe aber nicht, etwa die traditionell stärkere kulturelle Betonung der Schönheit bei Frauen als bei Männern. Doch ist die Kritik an Schönheitswettbewerben nützlich und sinnvoll? Kreiert sie nicht neue Reduktionen? Ersetzt sie die alten Verhaltensnormen für Frauen nicht einfach durch neue, statt diese abzuschaffen, wie sie es zu tun vorgibt? Würde eine Abschaffung von Model-Wettkämpfen die Wahlmöglichkeiten der Frauen nicht verkleinern, statt sie zu vergrössern? Sollten in einer post-Gender-Gesellschaft Model-Wettbewerbe und Schachwettkämpfe nicht gleichbehandelt werden? Und kann dieses Ziel erreicht werden, indem die eine Art von Wettbewerb verunglimpft und zersetzt wird?

(Ich will mich hier nicht alles Befürworter einer Gender-Erosion positionieren, sondern lediglich die Inkongruenzen aufzeigen, die mir bei feministischer Kritik an Schönheitswettbewerben aufgefallen sind.)


  1. relevant – “Miss World” wird 60 – Die Kritik wird lauter []

Eudämonologie

Ich nehme den Begriff der Lebensweisheit hier gänzlich im immanenten Sinne, nämlich in dem der Kunst, das Leben möglichst angenehm und glücklich durchzuführen, die Anleitung zu welcher auch Eudämonologie genannt werden könnte: sie wäre demnach die Anweisung zu einem glücklichen Dasein. Dieses nun wieder ließe sich allenfalls definieren als ein solches, welches, rein objektiv betrachtet, oder vielmehr (da es hier auf ein subjektives Urteil ankommt) bei kalter und reiflicher Überlegung, dem Nichtsein entschieden vorzuziehen wäre. Aus diesem Begriffe desselben folgt, daß wir daran hingen, seiner selbst wegen, nicht aber bloß aus Furcht vor dem Tode; und hieraus wieder, daß wir es von endloser Dauer sehen möchten. Ob nun das menschliche Leben dem Begriff eines solchen Daseins entspreche, oder auch nur entsprechen könne, ist eine Frage, welche bekanntlich meine Philosophie verneint; während die Eudämonologie die Bejahung derselben voraussetzt. Diese nämlich beruht eben auf dem angeborenen Irrtum, dessen Rüge das 49. Kapitel im 2. Bande meines Hauptwerkes eröffnet.

~ Arthur Schopenhauer – Aphorismen zur Lebensweisheit – Einleitung