Gleichstellung und Crossdressing

Es scheint für Frauen akzeptabler zu sein, Männerkleidung zu tragen als umgekehrt.1

Was kann man daraus schliessen?

Es gibt zwei gegenläufige Erklärungsansätze.

Der erste ist eher klassisch feministisch und sieht die Ursache in Misogynie und einer patriarchalen Kultur. Demnach hat das Weibliche immer noch einen niedrigeren Status als das Männliche, d.h. es wird weniger respektiert und weniger wertgeschätzt. Wenn Frauen sich wie Männer kleiden, überschreiten sie zwar damit die Geschlechterrollen, gewinnen aber an Status, weil männliche Kleidung als Ausdruck oder Verkörperung des Männlichen höher bewertet wird. Wenn Männer Frauenkleider anziehen, dann verletzten sie nicht nur die Geschlechternormen, sondern verlieren an Status. Weil das Weibliche also weniger Wert hat als das Männliche, hat Crossdressing bei Frauen eine positive und eine negative Wirkung, während es bei Männern nur negativ wirkt.

Den zweiten Ansatz könnte man maskulistisch nennen, wenn man das Wort noch eine sinnvolle Bedeutung hätte und sieht die Ursache in der Frauenbefreiung. Diese hat sich vorwiegend um die Frauen und die Frauenrechte gekümmert und für die Frauen grosse Freiheiten errungen. Darunter die Möglichkeit, sich beliebig zu kleiden, also auch Kleider anzuziehen, die traditionell zum andern Geschlecht gehörten. Die Männer hatten jedoch so gut wie keine Männerbewegung, obwohl auch sie unter vielen Geschlechternormen litten. Deshalb haben sie auch heute die Freiheit nicht, Frauenkleider anzuziehen.

Betrachtet man diese Erklärungen, sieht man auch, dass der Crossdressing-Doppelstandard im ersten Fall als negativ für die Frauen und im zweiten Fall als positiv für die Frauen charakterisiert wird. Dies könnten aber auch bloss die zwei Seiten derselben Medaille sein, was für eine kombinierte Erklärung sprechen würde. Schlussendlich wird man wohl jene Erklärung wählen, die am besten in jenen Narrativ passt, mit dem man die Welt sonst erklärt.

Es sind jedoch noch viele andere Erklärungen vorstellbar und in den Kommentaren darf gerne spekuliert werden.


  1. Ein Artikel zu Männer-Dessous: «Ich will einen Mann, keine Freundin!» []

Freie sexuelle Märkte

Beim Atlantic kritisiert Hugo Schwyzer, dass alte Männer und junge Frauen miteinander Sexual- und Liebesbeziehungen eingehen. Er hält dies für sexistisch (oder zumindest dem Sexismus förderlich) und für schlecht für die Männer und Frauen. (Aus irgendwelchen Gründen fokussiert er sich auf das Handeln der alten Männer und ignoriert das Handeln der jungen Frauen.)1

Ich will hier die Frage ignorieren, ob er damit recht hat. (Falls gewünscht, werde ich aber später näher darauf eingehen.) Nehmen wir aber kurz an, dass er recht hat: Wieso sollte man dann solche Beziehungen nicht verbieten (oder besteuern)? Für Liberale ist die Antwort darauf natürlich klar, aber für Linke? Linke haben bereits tausende von freiwilligen Beziehungen zwischen mündigen Bürgern verboten, darunter kommerzielle Sexualbeziehungen. Wieso also sind sie nicht bereit, nicht-kommerzielle Sexualbeziehungen staatlich, gesellschaftlich oder kulturell zu regulieren? Wieso sind sie für komplette Deregulierung (nicht nur durch den Staat, sondern auch durch Kirche und Gesellschaft), für totale Privatisierung, für entfesselte Märkte, für einen richtiggehenden Marktfundamentalismus, wenn es um nicht-kommerzielle Sexual- und Liebesbeziehungen geht? Wie rechtfertigt ein Linker diesen Doppelstandard?


  1. Hugo Schwyzer – What If Men Stopped Chasing Much-Younger Women? It would benefit everyone, of all ages and genders. []

Edenism

The temptation to inject Christian precepts into the practical order in such a naive way that they become self-defeating is especially great in a society where Christian trends have a sentimental and historic basis. Socialism and communism, though able to invade areas without a Christian tradition, could have been born only of civilizations with a strong Christian background. And not only the ethical content of Christianity fosters and promotes the temptation toward socialism, but also much of Christian imagery and doctrine. Along the path of the socialist utopia lies a day of judgment when the humble will be exalted and the rich and mighty brutally dispossessed. And from the Socialist-Communist utopia itself can be gleaned the picture of paradise lost-and regained: a new age of innocence, of peace and brotherly love, with envy, crime, and hatred banished forever.

Of course this “Edenism” is already present in democracy which is a conscious-subconscious effort – no more and no less so than nudism – to recreate Paradise. Democracy uses the magic formula, “We are not ruled, we rule ourselves” to relativize the State, the painful result of original sin, just as nudism tries to solve the sexual problem by shedding clothes. (As if nude people had no sexual problems!) Neither in our political nor in our sexual life does it make sense to pretend that we are like Adam and Eve.

~ Erik Maria Ritter von Kuehnelt-Leddihn – Leftism: From de Sade and Marx to Hitler and Marcuse

Häftlinge: Freiwillige Todesstrafe oder Recht auf Suizid?

Peter Schneider schreibt:

Was mich in den Debatten um den Freitod befremdet, ist die Verve, mit der ausgerechnet in dieser Frage ein uneingeschränktes Selbstbestimmungsrecht verfochten wird. Wir haben das Gurtenobligatorium im Auto; eine Lehrmeisterin darf nicht mit ihrem 20-jährigen Lehrling schlafen, auch wenn dieser nichts lieber möchte als das; wir dürfen nicht jede Droge konsumieren und in der Beiz nicht rauchen, selbst wenn alle Anwesenden einverstanden sind. Aber das Selbstbestimmungsrecht eines Gefangenen, der sich (aus Protest gegen seine Haftbedingungen) zu Tode hungert, ist absolut zu respektieren?1

Bei all diesen Themen gibt es Leute, die sich mit Verve dafür einsetzen, dass das Selbstbestimmungsrecht absolut respektiert wird. Ist Schneider dies nicht bewusst? Hat er noch nie davon gehört, dass manche Leute alle Drogen ausnahmslos legalisieren wollen? Dass manche Leute genauso vehement gegen das Gurtenobligatorium im Auto wie gegen die Helmtragepflicht auf dem Velo sind? Dass manche Leute wollen, dass sich der Staat mit keinem Wort in die romantischen und sexuellen Beziehungen zwischen erwachsenen, mündigen Bürgern einmischt? Weiss Schneider auch nicht, dass manche Leute in allen vier genannten Bereichen für absolute Selbstbestimmung plädieren?

Falls nicht, dann mag man ihm das Erstaunen verzeihen, da es einer stark ausgeprägten Naivität entsprungen ist. Allerdings müsste man ihm dann gewaltiges, mutmasslich willentliches, Unwissen vorwerfen.

Falls schon, dann ist es bloss ein weiterer Versuch, das eine Verbot mit der Existenz eines anderen Verbotes zu rechtfertigen. Und das ist ein derart absurder Fehlschluss, dass er gar keinen Namen hat.

Sollte man zum Beispiel für lebenslänglich Verwahrte die Möglichkeit schaffen, die Todesstrafe an sich selbst zu vollziehen, wenn sie nicht für immer eingesperrt sein möchten?1

Wo liegt genau der Unterschied zwischen der Möglichkeit einer freiwilligen Todesstrafe und dem Recht auf Suizid für Häftlinge und wie relevant ist er?

Wenn sich jemand in seiner Zelle erhängt hat, soll man ihn vom Strick schneiden und reanimieren – oder hängen lassen, bis der Tod eingetreten ist? Und hängt die Antwort davon ab, ob der Gefangene eine Patientenverfügung unterzeichnet hat oder nicht?1

Natürlich sollte dies von der Patientenverfügung abhängen. Ausser man möchte, dass Staatsgefangene kein Recht auf eine Patientenverfügung haben sollten. Aber wenn man letzteres will, muss man dies gut begründen können. Denn das Prinzip, dass es die Einschränkung der Freiheit ist, die man begründen muss, und nicht die Gewährung der Freiheit, gilt auch hier.

Das Recht auf Freitod umfasst nicht die Pflicht der anderen, einen dabei zu unterstützen oder tatenlos zuzusehen.1

Dann ist es kein Recht. Denn Rechte, so wie Liberale sie verstehen, bedeuten schlichtweg die Pflicht der andern, tatenlos (wenngleich nicht wortlos) zuzusehen. Das Recht auf Eigentum aus liberaler Sicht bedeutet etwa, dass andere zusehen müssen, wie ich mit meinem Eigentum tue, was ich will und nicht eingreifen dürfen, so lange ich bei meinem Genuss meines Eigentums nicht die Eigentumsrechte anderer verletze. Und Rechte, wie Linke sie verstehen, bedeuten die Pflicht der andern, einen bei diesem oder jenem zu unterstützen. Das Recht auf Nahrung aus linker Sicht bedeutet demzufolge, dass andere mir dabei helfen müssen, Nahrung zu finden oder dass sie mir unentgeltlich von ihrer Nahrung abgeben müssen.

Aber wenn das Recht auf Freitod weder die anderen verpflichtet, mich nicht tätlich vom Suizid abzuhalten, noch die andern verpflichtet, mich beim Suizid zu unterstützen, dann ist es weder aus linker noch aus liberaler Sicht ein Recht.

Die Beihilfe zum Suizid ist in der Schweiz straffrei, weil man niemanden strafrechtlich verfolgen wollte, der seinem schwer leidenden Freund eine Überdosis Schlafmittel zur Verfügung stellt. Die Straffreiheit sollte nicht dazu dienen, institutionelle Suizidhilfe zu ermöglichen.1

Die institutionelle Suizidhilfe und Sterbehilfe scheint vor allem deswegen entstanden zu sein, weil es für gewöhnliche Bürger äusserst schwierig ist, beispielsweise an Barbiturate zu kommen. Wäre der medikamentöse Suizid nicht effektiv illegal, bliebe die institutionelle Suzidhilfe und Sterbehilfe vorwiegend auf jene Leute beschränkt, die in ihrem Bewegungsvermögen zu eingeschränkt sind, die Barbiturate selber einzunehmen. Denn für institutionelle Suizidhelfer und Sterbehelfer mag es einfacher sein, dabei zu assistieren als für Freunde.

Und auch nicht dazu, der Justiz das Dilemma zwischen Hafterleichterungen und Zwangsernährung und dem Hungertod des Gefangenen zu erleichtern.1

Das mag sein, aber das würde nicht als Grund reichen, das Recht der Häftlinge auf Freitod einzuschränken. Was wäre überhaupt der Nutzen für die Gesellschaft oder den Häftling, wenn man allen Gefangenen verbieten würde, sich selber zu töten?


  1. Peter Schneider – Gilt das Recht auf Freitod in jedem Fall? [] [] [] [] [] []

Zur „Solothurner Verlautbarung“

Im Sinne des Mottos der Solothurner Literaturtage „Anfänge.Débuts.Inizi.Entschattas“ hat sich eine „groupe de réflexion“ zusammengesetzt und in drei Sprachen darüber diskutiert, welche literarische Zukunft wir wollen. Das Spannende dieser Auseinandersetzung ist, dass sich Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Landesteilen mit Vertretern der Verbände zusammengesetzt haben.
Alle sind sich einig, dass die Literatur ein stärkeres Gewicht in der Öffentlichkeit, in der Kulturpolitik verdient. Literatur – vom Schreiben übers Publizieren bis zum Vertrieb – braucht mehr Öffentlichkeit und mehr finanzielle Mittel.1

Es klingt sehr verdächtig, wenn sich alle einig sind. Denn das bedeutet entweder, dass praktisch alle Schweizer Autoren gleicher Meinung sind (was die Schweizer Literatur in ziemlich schlechtem Licht dastehen liesse) oder dass eine Vorselektion mit ideologischem Einschlag stattgefunden hat, bei der ein (unbewusstes oder bewusstes) Selektionskriterium der Hang zum Etatismus und die Liebe zur Kulturpolitik gewesen war.

Folgende Forderungen und Vorschläge sind aus der Diskussion hervorgegangen:

1. Schaffung von Koordinationsstellen zur Verbesserung der Literaturvermittlung zwischen Autoren, Verlagen und Schulen.1

Ich zweifle daran, dass der Literaturbetrieb mehr Bürokratie und mehr Mittelsmänner braucht.

2. Schweizer Bibliotheken verpflichten sich, bei jedem 7-ten eingekauften Buch eine lebende Schweizer Autorin, einen lebenden Schweizer Autor zu berücksichtigen.1

Ich halte es für besser, wenn die Bibliotheken selber entscheiden, welche Bücher sie kaufen wollen. Ihnen vorzuschreiben, welche Bücher sie einkaufen müssen, ist zudem die Kehrseite davon, ihnen vorzuschreiben, welche sie nicht einkaufen dürfen. Und wenn letzteres Zensur ist, ist es wohl auch ersteres.

3. Die Beziehungen zu den Ländern stärken, in denen die Schweizer Landessprachen gesprochen werden.1

Aussenpolitik zum Zwecke der Literaturförderung?

4. Die Auswirkungen des Lesens auf den Menschen werden im Rahmen eines nationalen Forschungsprojektes untersucht.1

Das klingt durchaus interessant, aber abgesehen davon, dass ich nicht denke, dass ein solches Forschungsprojekt vom Staat finanziert werden sollte, glaube ich auch nicht, dass es irgendeine neue Erkenntnis liefern würde. Schon nur deshalb, weil es ziemlich schwierig ist, die verschiedenen Arten des Lesens (z.B. Lesen von Gratiszeitungen vs. Lesen von alter deutscher Philosophie) voneinander zu trennen und die Effekte des Lesens von anderen Effekten (IQ, Autodidaktik, etc.) zu unterscheiden.

5. Erstellen einer Bestandesaufnahme der aktuellen Kulturpolitik und der bestehenden Fördermassnahmen.1

Zugegeben, das wäre durchaus nützlich, denn dann wüsste man genau, was man abschaffen sollte.

6. Benennung jener Literaturströmungen, die sich nicht in Kategorien pressen lassen. Sie heissen Stör.1

Ich hoffe, die Ironie hinter diesem Vorschlag ist absichtlich.

7. Lesen und kreatives Schreiben ist Teil des Schulunterrichts.1

In meinen Augen lässt sich kreatives Schreiben schulisch nur schlecht umsetzen. Diejenigen Schüler, die die Schule als unangenehm empfinden, werden diese Empfindung unter Umständen mit dem kreativen Schreiben assoziieren und später folglich nur ungern selber kreativ schreiben. Der Schulunterricht hätte sich hier folglich als kontraproduktiv erwiesen. Und auch die anderen Schüler werden in ihrer Kreativität empfindlich eingeschränkt, wenn sie mit Notenabzügen dafür bestraft werden, dass sie sich nicht strikt an die Themenvorgaben halten.

8. Gezielte Verlagsförderung ist notwendig, um das kulturell orientierte Verlagswesen in seiner Vielfalt zu stützen.1

Dies würde eine aktive Gestaltung der Literaturlandschaft durch den Staat bedeuten. Dies mag besser klingen als Zensur, würde aber die Kunstfreiheit und Kulturfreiheit ebenfalls einschränken. Denn auch eine gezielte Verlagsförderung wäre staatliche Informationskontrolle.

9. Schaffung von Literaturzügen.1

Ich will nicht noch höhere Billetpreise, um die Literaturzüge der Literati zu subventionieren. Zudem kann man heute schon in Zügen relativ gut lesen. Auch wenn der Mangel an Platz und unhöfliche Passagiere sich störend auswirken können.

10. Erhöhung der Anzahl Übersetzungen unter der Berücksichtigung der Vielfalt, nicht der Rentabilität.1

Die Vielfalt ist selber sehr vielfältig. Eine staatliche Vielfaltsförderung würde jedoch vermutlich bloss ein paar wenige Facetten der Vielfalt berücksichtigen und bei den anderen Aspekten der Vielfalt für Einfalt sorgen. Kurz gesagt: Vielfalt muss spontan und dezentral entstehen, staatlich befohlene Vielfalt kann kaum etwas anderes sein als Uniformität in einem andern Gewand.

11. Suchen nach der Herkunft von Wörtern und öffentliches Diskutieren darüber.1

Ich mag Etymologie ja auch, aber ich möchte sie trotzdem nicht zur nationalen Freizeitbeschäftigung erklären. Ich glaube auch nicht, dass dies gut enden würde.

12. Etablierung des Verleihrechts.1

Whatever.

13. Einführung eines täglichen Literaturtipps im Fernsehen zur besten Sendezeit.1

Lieber nicht. Es steht zu befürchten, dass der Geschmack der Fernsehliterati als repräsentativ für guten Geschmack dargestellt werden würde, was so falsch wie abschreckend wäre. Davon abgesehen kann man einem Schopenhauer-Liebhaber kaum dieselben Bücher empfehlen wie einem Glückspost-Leser.

14. Festivals, Lesungen, Performances durchführen als Auftritts und Begegnungsmöglichkeiten.1

Der Staat soll sich weniger in die Freizeitgestaltung der Bürger einmischen, und nicht noch stärker.

Die „Solothurner Verlautbarung“ lässt sich nicht in wenigen Sätzen zusammenfassen.
Der Anfang hat mit diesen Diskussionen erst angefangen.
Die „Solothurner Verlautbarung“ soll weitergedacht und weitergetragen werden, von der „groupe de réflexion“, von der Literaturszene, der Politik und den Medien.1

Ob das geschehen wird, ist zweifelhaft.


  1. Medienmitteilung Solothurner Literaturtage [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] [] []

Körper-Geist-Dualismus, Suizid und Sterbehilfe

Der Körper-Geist-Dualismus hat viele Folgen. Eine davon ist, dass die Entscheidung, sein Leben zu beenden, wenn man vor schweren körperlichen Leiden steht, halbwegs akzeptiert wird (Und mit halbwegs meine ich, dass es vielerorts unter empfindlichen Strafen steht, anderen dabei auch nur entfernt zu helfen, und viele Suizidmittel verboten oder nur schwer erhältlich sind.), während die Entscheidung, sein Leben zu beenden, wenn man vor schweren psychischen Leiden steht, stark bekämpft wird. In andern Worten: Wenn man seinen Leiden, die ihren Ursprung in den Gliedern oder in den Brust- und Bauchhöhle liegenden Organen haben, ein Ende setzen will, indem man sich selber tötet (oder töten lässt), ist das gesellschaftlich viel akzeptabler, als wenn man durch Suizid seinen Leiden, die ihren Ursprung im Hirn haben, ein Ende setzen will.

Dabei sind psychische Krankheiten nicht grundsätzlich weniger schmerzhaft, entstellend, entwürdigend, unangenehm, oder besser behandelbar oder linderbar als körperliche Krankheiten. Um einen unvermeidbaren Einwand vorwegzunehmen: Psychisch Kranke sind nicht grundsätzlich und pausenlos unzurechnungsfähig. Aber es ist natürlich klar, dass man wichtige Entscheidungen nicht dann treffen sollte, wenn der Verstand abnormal stark getrübt ist, sei es durch Anfälle psychischer Erkrankungen, emotionalen Tumult, psychoaktive Substanzen oder starke Schmerzen.

Gleichstellung in der Freizeitgestaltung: Zu den 4 Volksinitiativen der SP Frauen

Die Besessenheit der Progressivisten (und der Konservativen, aber ich wiederhole mich) mit Geld und ökonomischer Gleichheit macht für mich immer noch keinen Sinn, auch wenn sie nicht allzu schwer zu erklären ist.

Aktuell gibt es dazu diese Nachricht:

Die SP Frauen Schweiz verfolgen [...] vier Initiativprojekte, die alle unter dem Label der ökonomischen Gleichstellung der Geschlechter laufen.

1. Volksinitiative: Kontrolle und Umsetzung der Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern. Die Initiative fordert die Einrichtung einer Behörde.1

Eine sehr bürokratische Initiative. Zudem könnte diese Behörde mit fast beliebig viel Geld und Macht ausgestattet werden. Und dafür müssten auch die Frauen Steuern zahlen und Freiheiten aufgeben.

2. Volksinitiative: Ausgewogene Geschlechtervertretung in allen Berufen und Behörden. Die Initiative fordert verbindliche Zielvereinbarungen und Geschlechter-förderungsmassnahmen auf nationaler und kantonaler Ebene.1

Wieso keine ausgewogene Geschlechtervertretung in allen Hobbies und Vereinen? Wenn die Geschlechterungleichheit im Beruf als schlecht angesehen wird, wieso dann nicht auch diejenige in der Freizeit? Und wenn ersteres Staatsinterventionen rechtfertigt, wieso dann nicht auch letzteres? Wieso werden keine Quoten in Vereinen verlangt? Wieso keine Initiative, die verbindliche Zielvereinbarungen bezüglich der Hobbies verlangt?

3. Volksinitiative: Care-Arbeit ermöglichen für alle Geschlechter. Die Initiative fordert die Anpassung der Sozialversicherungen zugunsten der unbezahlten Care-Arbeit.1

Warum der Fokus auf die Care-Arbeit? Wieso keine generelle Anpassung der Sozialversicherungen zugunsten der unbezahlten Arbeit?

4. Volksinitiative: 1 Krippen- oder Tagesschulplatz pro Kind in der Schweiz. Die Initiative fordert ein bedarfsgerechtes vorschulisches und schulisches Kinderbetreuungsangebot zu familiengerechten Tarifen.1

Wenn das Angebot bedarfsgerecht sein soll, wieso wird dann ein Platz pro Kind gefordert? Will jedes Kind in die Krippe oder in eine Tagesschule gehen? Wollen alle Eltern ihre Kindern in die Krippe oder in die Tagesschule schicken? Und falls nicht, sollen die Leute, die das nicht wollen, für diejenigen zahlen müssen, die das wollen?

Gibt es überhaupt Belege, dass das derzeitige Angebot oder das Angebot, das ohne staatliche Eintrittshürden für die Anbieter existieren würde, nicht bedarfsgerecht ist? Wie wird der Bedarf hier überhaupt definiert? Als Nachfrage bei tieferen als den derzeitigen Angebotspreisen? Wäre es dann nicht besser, die Preise tatsächlich zu senken als die Kosten zu sozialisieren, resp. Menschen aufzuzwingen, die andere Entscheidungen getroffen haben? Wäre es nicht besser, die Kosten tatsächlich zu senken, indem man Pfründe und Privilegien reduziert, statt die Kosten für die Leute, die sich bewusst für bestimmte Kostenereignisse entschieden haben, zu senken, indem man ihnen neue Privilegien gibt, die die übrigen Menschen finanzieren müssen?


  1. fricktal24.ch – SP Frauen lancieren vier Initiativen für ökonomische Gleichstellung [] [] [] []

Welfare without the state

The historical evidence shows that by the 1860s most working-class children [in England] were at schools paid for by parents with the aid sometimes of the Church or lay charity. By the 1870s some working-class families, especially in the industrial North where wages were higher than in the rural South around London, were beginning to buy their homes with the aid of building societies. By the early 1910s most working-class heads of families were insuring against unemployment, sickness, and ageing. The notion that the working classes of England neglected their families until the state compelled them by law is historical fiction.

~ Arthur Seldon – Government Failure and Over-Government / via Don Boudreaux – Quotation of the Day…

Sex: Unwissen ist Fantasie

Regula Stämpfli schreibt im Blick am Abend:

11- und 12-Jährige werden heutzutage einerseits mit Hardcore-Porn, andererseits mit einem mikroskopisch genauen Biologieunterricht aufgeklärt. Wo früher noch unschuldiges Spielen und Kichern und unwissendes Entdecken war, gibt es heute explizite Bilder aus Biologie und Porno, welche die Fantasie der jungen Menschen zukleistern.1

Wissen und Erfahrung kleistern die Fantasie zu? Dann ist der fantasievollste Autor wohl jener, der nie andere Bücher gelesen hat. Der fantasievollste Maler jener, der nie etwas anderes als sein kleines Dörfchen gesehen hat. Und wenn ein Romancier kein Mü recherchiert hat, ist das ein Qualitätsmerkmal.

In welchen anderen Bereichen ist ‘unschuldiges Spielen und Kichern und unwissendes Entdecken’ ebenfalls positiv? In der Liebe vielleicht? Sollte man Kinder von romantischen Komödien fernhalten? Vielleicht sollte man ihnen ganz generell keine Biologie lehren, damit sie die ganze Natur unwissend entdecken können? Und vielleicht ist das ‘unwissende Entdecken’ nicht nur für Kinder gut, sondern auch für Erwachsene? Vielleicht sollte man viele der Kurse und Weiterbildungen, die Erwachsene machen, als negativ ansehen?

Seit 2011 kursieren im Kanton Basel-Stadt Sexkoffer an den Schulen, mit deren Inhalt schon Kleinkinder erfahren, wie ein Penis oder eine Vulva aussehen.1

Eines davon sieht wohl fast jedes Kind fast täglich, und das andere haben sie wohl auch schon gesehen, wenn sie nicht gerade mit sehr strengen geschlechtertrennenden Nacktheitsverboten aufgewachsen sind. Und es sind nicht nur die Bauernkinder, die auch die Geschlechtsorgane der Tiere sehen.

Die Kleinen sollen lernen, was wo wie reingesteckt wird, und ja nicht merken, dass hinter der Mechanik unendlich viel an Menschlichkeit verborgen liegt.1

Ich habe noch nie von jemandem gehört, dass er dieses Ziel beabsichtigt. Davon abgesehen besteht zwischen Mechanik und Menschlichkeit kein Widerspruch, die beiden Dinge lassen sich problemlos miteinander verbinden.

So wird die sehr populäre Bio-Ideologie gerne schon im Kindergarten eingeübt.1

Was ist die Bio-Ideologie? Ich habe wirklich keine Ahnung, was damit hier gemeint sein könnte. Weiss das irgendein Leser?

In unserer kühlen, technisierten Warenwelt darf es eben keine menschliche Vielfalt mehr geben – nur noch Körper, ja keinen Geist.1

Wiederum etwas, von dem ich noch nie gehört habe, dass es irgendjemand will. Aber Strohmänner brennen schön und in einer kalten Mainacht kann auch ein Strohfeuer Wärme spenden, wenn einem die Zentralheizung zu technisiert ist.

Alles muss einen Namen und eine Gestalt haben.1

Physische Dinge haben nun einmal eine Gestalt, das liegt in ihrer Natur. Zumindest dann, wenn sie Makrogrösse erreicht haben. (Über die Gestalt von Photonen und Elektronen kann man streiten, aber ich würde doch sagen, dass sie eine haben. Eine, die zumindest teilweise mathematisch beschrieben wurde.) Und wenn man über etwas sprechen will, dann hilft es ungemein, es zu benennen. Es mag natürlich sein, dass man über gewisse Dinge nicht sprechen sollte, aber gerade bei sexuellen Angelegenheiten scheint das weder nützlich noch möglich zu sein.

Oje.1

Dito.

Da wird eine Generation von Super-Gynäkologen produziert, die beim Dökterlis zuerst über Spermageschwindigkeit und Vulvareizpotenziale referieren und dabei Checklisten durchgehen.1

Vielleicht könnte man mit Strohmännern unsere Energieprobleme lösen. Sie brennen schliesslich heller als tausend Sonnen.

Dass Sex Erfahrung und nicht Technik ist, soll im Denken der Kinder ausgemerzt werden.1

Wiederum etwas, das meines Wissens niemand will. (Und wenn es doch jemand will, ist es sehr einfach, mich zu widerlegen.) Und wiederum eine falsche Dichotomie.

Mit Aufklärung hat dies nichts zu tun, dafür aber alles mit Ideologie.1

Das würde ich auch sagen.


  1. Regula Stämpfli – Schluss mit Dökterlis [] [] [] [] [] [] [] [] [] []

Stripteaseverbote?

Vor drei Jahren entschloss sich Island zu einem Verbot der Stripteaselokale. [...] Drei Jahre später folgt Norwegen diesem Beispiel. Noch 2007 hatte man überlegt, stärker vom Striptease zu profitieren und Eintrittskarten zu derartigen Veranstaltungen mit 25% Mehrwertsteuer zu belegen. Zwei Jahre zuvor hatte man dies damit durchsetzen wollen, dass man Striptease kurzerhand nicht mehr als Kunst bzw. kulturelles Ereignis deklarierte.1

Ich halte es für eher schwierig, Kunst so zu definieren, dass die Definition zwar Toiletten als Ausstellungsobjekte in Kunstmuseen umfasst, aber nicht Striptease. Dass Striptease ein kulturelles Ereignis ist, scheint mir auf jeden Fall ziemlich offensichtlich zu sein. Ausser man würde alle Arten des Tanzes als nicht-kulturelle Balzrituale klassifizieren, dann würde Striptease auch nicht zur Kultur gehören. Allerdings müsste man sich dann überlegen, ob nicht die ganze menschliche Zivilisation aus der Balz hervorgegangen ist.

So oder so will ich nicht, dass die Politik entscheidet, was Kunst, was Kultur und was nichts von beidem ist. Schon nur deshalb wären einheitliche Mehrwertsteuersätze besser als ein abgestuftes System. (Gewiss, es gibt gute Argumente dafür, Luxusgüter stärker zu besteuern als andere Güter wie etwa Nahrungsmittel, aber das macht die Besteuerung nicht moralischer und behebt die negativen unbeabsichtigten Konsequenzen des Mehrwertsteuersystems mit abgestuften Sätzen nicht.)

Doch inzwischen haben sich die Ansichten bezüglich des Striptease gewandelt und insbesondere die norwegische Linkspartei hat nunmehr angeregt, Striptease im allgemeinen zu verbieten. Die frauenpolitische Sprecherin dieser Linkspartei, Marthe Hammer, bedient sich dabei der Argumente, die auch in Island genutzt wurden. Es würden, so Frau Hammer, Frauen durch Striptease ausgebeutet und er sei eng verknüpft mit Prostitution und Menschenhandel.1

Auch die Haushaltshilfe-Branche nutzt Frauen aus und ist eng verknüpft mit Menschenhandel. Merkwürdigerweise habe ich noch nie gehört, dass deshalb gefordert wurde, dass es verboten werden sollte, Putzfrauen (privat) zu beschäftigen. Woran das wohl liegen mag?

Ferner basiere der Lohn der Stripperinnen auf dem Geld alkoholisierter Männer.1

Soll das ein Argument sein? Wenn ja: Sind es dann nicht eher die Männer, die diskriminiert oder ausgebeutet werden? Schliesslich sind sie es, die in nicht mehr ganz zurechnungsfähigem Zustand ihr Geld ausgeben. Aber wenn die Männer mit dem Stripteaseverbot (vor sich selber oder vor der Ausbeutung durch die Stripperinnen?) geschützt werden sollen, dann müsste man noch viele andere Verbote erlassen. Schliesslich spielen psychoaktive Substanzen bei nicht wenigen gesellschaftlichen Anlässen und Konsumentscheidungen eine Rolle.

Und wenn der Striptease verboten wird, würde auch Prostitution eingedämmt, was letztendlich (nicht nur) die Frauen mit Migrantenhintergrund schützen würde, die derzeit in diesem Bereich tätig sind.1

Wenn man annimmt, dass Striptease und Prostitution eher Substitutionsgüter sind als Komplementärgüter, dann würde eher das Gegenteil geschehen. Auch wenn man annimmt, dass manche Stripperinnen gleichzeitig Prostituierte sind, würde das für sie bedeuten, dass sie dann weniger strippen und sich dafür mehr prostituieren würden. Ich weiss nicht, ob das für die Betroffenen gut ist.

Was gibt es also für einen Wirkmechanismus, durch den ein Stripteaseverbot die Prostitution eindämmen könnte?


Rein rechtlich gesehen ist ein Stripteaseverbot recht spannend, denn wie verbietet man Striptease, ohne gleichzeitig andere Tätigkeiten zu verbieten, bei denen Personen leicht bekleidet auftreten oder während dem Auftritt an Bekleidung verlieren? Anders gefragt: Wie verbietet man Striptease, ohne Modeschauen, Tanzshows, Musicals, Konzerte, Theater, Discos o.ä. zu verbieten?


  1. Twister (Bettina Hammer) – Striptease ist nur dann schlimm, wenn Frauen strippen [] [] [] []